Von Peter Fuhrmann

Aussöhnung mit Polen – schon um die Wende der fünfziger Jahre sah darin Klaus von Bismarck, Intendant des WDR, eine seiner dringlichsten kulturpolitischen Aufgaben. Mit Nachdruck räumte er der Förderung polnischer Gegenwartsmusik eine Vorrangstellung im Programm ein, noch bevor sie unter der Rubrik „polnische Schule“ weltweite Anerkennung gefunden hatte.

Einer speziellen Gunst und Fürsorge erfreute sich früh der 1933 in der Nähe von Krakau geborene Krzysztof Penderecki, dessen steiler internationaler Aufstieg ohne die bahnbrechenden Initiativen des Kölner Senders wohl kaum möglich gewesen wäre.

Aussöhnung mit Polen – auch für den Kölner Erzbischof Kardinal Höffner erschöpft sich dies nicht im bloßen Lippenbekenntnis. Wie man weiß, hatte er maßgeblich Anteil am Zustandekommen des ersten Besuches polnischer Bischöfe in der Bundesrepublik. Und als es kurze Zeit danach galt, den Erzbischof von Krakau zum Papst zu küren, soll er ebenfalls die treibende Kraft im Konklave gewesen sein. So darf denn wohl vermutet werden, daß jener Kirchenfürst auch in Anbetracht des Jubiläumsgeschenks, das die Städtischen Bühnen als Auftakt zu den Hundertjahr-Feiern der Fertigstellung des Domes beisteuerten, seine Hände im Spiel hatte. Es sollte wohl etwas Polnisches sein.

Daß man im heiligen Köln indes nicht etwa Pendereckis biblisch verankertem jüngeren Opus „Das verlorene Paradies“, vielmehr dem kolportagehaften Schauerdrama „Die Teufel von Loudon“ den Vorzug gab, dessen Exorzismen und Folterungen Puccinis „Tosca“ geradezu zur blassen Operette nivellieren, verwundert im Hinblick auf den gegebenen Anlaß freilich sehr. Sollte da pure Unkenntnis das Wunschdenken der hohen Geistlichkeit begünstigt haben? Oder darf man annehmen, daß diese mit Aufklärung, Toleranz und liberaler Gesinnung ernster macht als beim Domjubiläum von 1948, bei der Feier der Grundsteinlegung vor 700 Jahren, als lediglich so unverdächtige Stücke wie Pfitzners „Palestrina“, „Verkündigung“ von Walter Braunfels, im Schauspiel überdies „Das große Welttheater“ von Hofmannsthal, Eliots „Mord im Dom“ und „Der seidene Schuh“ von Claudel als Zeitgenössisches akzeptiert wurden?

Derlei Fragen blieben diesmal; offen, weil Kölns Hausregisseur Hans Neugebauer als penibler Kenner des Liturgischen und klerikal Zumutbaren geradezu alles Grelle exzentrischer Nonnenekstase und zölibatärer Ausschweifung entschärfte, was ehrwürdige Domherren bei der Premiere zum spontanen Verlassen des Musentempels hätte bewegen können. Karneval und Fronleichnam – schließen in der rheinisch-katholischen Hochburg einander mitnichten aus. Das triefende Gruselstück biegt Neugebauer in ein lammfrommes Mysterienspiel um, in dem es prüde und züchtig zugeht, wo überdies jede mögliche politische Anspielung zur Gegenwart, alle Unflat- und sexuelle Überfrachtung risikolos aufpoliert und sakralfähig gemacht ist. Der Schwerpunkt findet sich hier in der Allegorie, in einer symbolträchtigen Nachzeichnung des Kreuzesgeschehens Christi, wo selbst auf dem lodernden Scheiterhaufen noch dem sterbenden Grandier, parallel zu Golgatha, der Mund von zwei Essigschwämmen an Ysopstengeln benetzt wird. In bewegter, nahezu filmtechnischer Schnittauslese bewegen sich die dreißig Sequenzen – mit ein paar straffenden Strichen im dritten Akt – allein auf jene thematische Beschränkung zu.

Wie das Programmheft (mit deutungsnahen Bildausschnitten von dämonischen Wasserspeiern und Figuren des Kölner Domgestühls) betont auch das Bühnenbild Klaus Gelhaars deutlich das lokale Kolorit: im Bühnenhintergrund eine farbig-mächtige Domrosette, ein später durchaus in der Kölner Kathedrale zu verwendendes Riesenkruzifix, vor dem, wie bei der Dom-Madonna, eine Fülle von Andachtskerzen brennen.