Hamburg

Es scheint weniger eine Frage des Benzinpreises zu sein als der Überwindung, sich auf zwischenmenschliche Beziehungen im Auto einzulassen. Die Not bringt einen zu seltsamen Schlafgenossen, heißt es bei Shakespeare. Die Fahrgemeinschaft womöglich zu seltsamen Weggenossen. Dem nahezu wöchentlich steigenden Literpreis an den Tankstellen jedenfalls hält die Kontaktarmut der Großstädter immer noch stand.

„Motorisierter Nichtraucher sucht gleichgesinnte Benzinsparer zwecks Fahrgemeinschaft nach Lübeck“, annoncierte jüngst ein Segeberger Autobesitzer. Damit fängt es an, hört es vermutlich schon wieder auf, wenn es nur ohne Zigarette geht.

Schließlich weiß man um die Liebe, des Deutschen zum gutgepflegten Gefährt. Da läßt man nicht gern jedermann hinein. Wie werden sie sein, die unbekannten Mitfahrer? Schwatzhaft oder einsilbig? Wahrscheinlich werden sie sperrige Taschen und Regenschirme dabeihaben. Und bei jedem Überholmanöver werden sie angespannt durch die Windschutzscheibe starren und insgeheim mitbremsen.

Um die morgens und abends durch Hamburg rollende Blechlawine (täglich rund 70 000 Fahrzeuge) um bestenfalls ein Drittel zu reduzieren, um Autofahrer mit gleichem Start und Ziel zueinander zu bringen, hat sich in der Hansestadt ein „Car Pool Center“ aufgetan. Hinter dem imponierenden Namen verbirgt sich ein Ein-Mann-Betrieb mit Telephon und Schreibmaschine. Tyll Ruhtenberg, von Haus aus Seemann und Immobilienmakler, hofft, aus der Benzinkrise ein kleines Geschäft zu machen.

Seit Tagen steckt er Flugblätter hinter Scheibenwischer, verteilt er Zettel in der Innenstadt und auf Park-and-Ride-Stellplätzen an den Endstationen von U- und S-Bahnen. „Wenn es bei den steifen Hamburgern einschlägt“, will er die Vermittlung in der Endphase bundesweit über Computer laufen lassen. „Dann gebe ich die Daten des Fahrers ein und dreißig Sekunden später hat der seine drei idealen Mitfahrer. Das kann ich aber nur machen, wenn es hier im Laden rummelt.“

Jedoch es will nicht „rummeln“. Hamburg ist eben ein Prüfstein. Nach zwei Wochen meldeten sich dreißig Interessenten, zwanzig Autofahrer und zehn, die eine Mitfahrgelegenheit suchten. Für jede Vermittlung ist eine einmalige Erfolgsgebühr von 36 Mark zu zahlen, anders ausgedrückt: ein voller 30-Liter-Tank.