Von Carl-Christian Kaiser

Erst die Archive werden einmal preisgeben, was sich in den letzten Januartagen zwischen den beiden deutschen Staaten abgespielt hat. Über Einzelheiten der Entstehungsgeschichte jener fast gleichlautenden Erklärungen, in denen der Aufschub des Treffens zwischen Helmut Schmidt und Erich Honecker mitgeteilt wurde, schweigt sich – wie Ost-Berlin auch Bonn aus. Aber so viel ist schon heute sicher: Im innerdeutschen Kalender wird die Mitteilung vom 30. Januar 1980 als ein ungewöhnliches Ereignis festgehalten werden.

Als ungewöhnlich deshalb, weil sie wie kein anderes Dokument der letzten Zeit beweist, daß zwischen den beiden deutschen Staaten eine begrenzte Interessenidentität entstanden ist, die selbst weltpolitische Belastungsproben zu überdauern verspricht. Eine gemeinsame Erklärung in einer heiklen Angelegenheit, zustande gekommen auf Initiative der DDR, aber im gegenseitigen Benehmen; eine Erklärung, in der das Bedauern über den Aufschub unüberhörbar mitschwingt und in der das Interesse am Ausbau der Zusammenarbeit ausdrücklich bekräftigt wird – ein solches Dokument wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen.

Fast gibt es den deutsch-deutschen Beziehungen eine neue Qualität. Bonn und Ost-Berlin bemühen sich gemeinsam, den afghanischen Schaden für ihr Verhältnis in Grenzen zu halten. Natürlich kommt diesen Bemühungen zustatten, daß sie von der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten abgedeckt werden, obwohl die beiden. Weltmächte wieder auf Gegenkurs geraten sind. Moskau will in Europa offenkundig keine zweite Front eröffnen, jedenfalls bisher. Und umgekehrt hat Washington das geplante Treffen zwischen Schmidt und Honecker niemals als ein Ausscheren aus der westlichen Solidarität betrachtet. Doch das nimmt der gemeinsamen Erklärung nichts von ihrer Eigenbedeutung. Das Bedauern des Kanzlers und des DDR-Staatsratsvorsitzenden, daß die weltpolitischen Spannungen ihre Zusammenkunft vorläufig durchkreuzen, ist aufrichtig.

Bei Erich Honecker ist es um so aufrichtiger, als er auf Gelder aus der Bundesrepublik dringender angewiesen ist als je zuvor, besonders dann, wenn er seinen Kurs relativen Wohlstands weiter steuern will. Die DDR-Wirtschaft befindet sich in keiner guten Verfassung. Hinzu kommt nun, daß sich die Folgen der sowjetischen Intervention in Afghanistan für die DDR auch ökonomisch auswirken können, zum Beispiel bei jenem Futtergetreide, das sie aus der Sowjetunion bezieht. Bleiben die Lieferungen aus, so bliebe der DDR kaum eine andere Wahl, als entweder den Rinder- und Schweinebestand zu verringern oder Devisen zu opfern, um den Ausfall durch Getreidekäufe auf dem Weltmarkt wettzumachen.

Da ist es kein Zufall, daß dem Bonner Vertreter in Ostberlin, Günter Gaus, bei den innerdeutschen Verhandlungen, die unverändert weitergehen, neuerdings vor allem ein Mann gegenübersitzt, der einer der engsten Vertrauten Honeckers ist und als oberster Devisenbeschaffer der DDR fungiert: Alexander Schalck-Golodkowski, Staatssekretär im Außenhandelsministerium. Und ebensowenig ist es ein Zufall, daß die Verhandlungen abermals vor allem um Vorhaben kreisen, die der DDR Geld aus Bonn versprechen. Dies und das ohnehin gemeinsame Interesse, das beide Seiten an den Projekten hegen, verbürgt den Erfolg, den Gaus schon für das Frühjahr sieht.

Beim Ausbau des topographisch eingeengten Grenzübergangs Wartha-Herleshausen etwa erscheint inzwischen die „groß“ Lösung“ sicher: der Bau eines Autobahnstücks auf der DDR-Seite samt einer neuen Werrabrücke mit Anschluß an eine Schnellstraße in der Bundesrepublik, über die wiederum die Autobahn rasch zu erreichen ist. Weitgehende Einigkeit besteht auch über die Reparatur und den Ausbau von Wasserstraßen nach Berlin vor allem zu dem Zweck, sie für größere Frachtkähne der sogenannten Europa-Klasse benutzbar zu machen.