Von Christiane Schenk

Mitten durch den Spessart verläuft eine alte Handelsstraße – der Eselsweg. Von Schlüchtern im oberen Kinzigtal zieht er sich in südlicher Richtung bis hin nach Miltenberg am Main-, an Schlössern, hellgrünen Wäldern und beschaulichen Städtchen vorbei. Eine Woche etwa muß man für die Fußtour auf der neunzig Kilometer langen ehemaligen Salzstraße rechnen; doch die Tagesetappen bestimmt der Wanderer nach Wetter, Lust und Gehvermögen allein. Nichts sei hier vorgeschrieben, nichts empfohlen.

Am Eselsweg selber gibt es kaum ein Gasthaus – zur Nacht steigt man hinab in die kleinen Ortschaften im Tal. Und da man nie weiß, wie weit die Füße gerade an diesem Tage tragen, sind die Wanderferien am schönsten außerhalb der Hauptreisezeit, in der sich Nachtquartiere sorglos finden lassen. Im Frühling, im ersten Buchengrün, macht das Marschieren im Spessart besonders Spaß.

Schlüchtern, ein altertümliches hessisches Städtchen, ist ein guter Ausgangspunkt für die Fußreise. Ein abendlicher Bummel durch den historischen Stadtkern führt am ehemaligen Benediktinerkloster vorbei, wir finden eine Krypta aus dem Jahr 800 und mehrere Kapellen aus romanischer und gotischer Zeit. Im Lauterschen Schlößchen erinnert ein Heimatmuseum an die Bruder Grimm. Sie wurden in den Jahren 1795 und 1796 im nahegelegenen Hanau geboren und wuchsen hier in dieser Landschaft auf.

Von Schlüchtern aus, wo das Auto für ein paar Tage auf einem Hotelparkplatz stehen bleibt, geht es sogleich ziemlich steil hinauf auf eine der ersten Spessarthöhen – mit herrlichem Blick auf das langgezogene Kinzigtal. Am Eselsweg nur ganz kleine Dörfer, die Bellings, Seidenroth oder Alsberg heißen, dafür unendliche, abwechslungsreiche Wälder, in denen man, ohne es recht zu merken, viele Kilometer, zurücklegt. Gegen Abend erreichen wir Bad Orb, dessen vielgerühmte Gastlichkeit wir als müde Wanderer besonders zu schätzen wissen.

In Bad Orb wird jeder sogleich zum Kurgast. Unter vielen schönen Pensionen können wir wählen. Das reichhaltige Frühstücksbuffet am nächsten Morgen hat einen Nachteil: Die Zigarette zum Nachtisch ist verboten. Hier dient man der Gesundheit.

Hübsch ist der Bummel durch den Kurpark mit seinen sprudelnden Quellen, herrlichen Bäumen, bunten’ Frühlingsblüten. Die Salzbrunnen von Bad Orb sind schon seit dem 11. Jahrhundert bekannt, eine alte Stadtmauer und die reichen, noch heute gepflegten Fachwerkbauten zeugen davon! Beinahe tut es uns leid, das Badestädtchen zu verlassen und der schwarzen „E“-Markierung, dem Eselsweg, weiter nach Süden zu folgen. Eselskarawanen haben noch bis ins vorige Jahrhundert das Salz aus den Quellen von Bad Orb zum Main gebracht – das ganze Mittelalter hindurch war der Eselsweg eine wichtige Handelsstraße. Oberhalb von Bieber, am Dr. Kihn-Platz, trifft der Weg auf die Birkenhainer Straße, die alte Ost-West-Verbindung durch den Spessart, auf der die Grenze zwischen hessischem und bayerischem Spessart mit schönen, alten Grenzsteinen markiert ist. Es folgen die Feriendörfchen, Wiesen, Heigenbrücken, Rothenbuch, in hübschen Tälern gelegen, für die sich der Wald wie zu öffnen scheint.