Die Kanaren sind beunruhigt. Sie zählen nicht mehr zu den Lieblingszielen der Deutschen. Während man früher nur lange im voraus Hotelbetten buchen konnte, liegt die Auslastung in den oberen Kategorien heute nur noch bei 40 bis 60 Prozent. Dafür steht den Preiserhöhungen von 80 bis 85 Prozent in den letzten drei Jahren sinkende Leistung gegenüber. Jetzt sucht man nach Auswegen.

Um zu retten, was noch möglich ist, kam eine zwölfköpfige Delegation in die Bundesrepublik geeilt, die 80 Prozent der gehobenen Häuser im Süden Gran Canarias repräsentierte. Man sprach viel von der Schuld dritter und spielte eigenes Fehlverhalten herunter: Die Bungalow- und Appartementhausbesitzer und die deutschen Veranstalter hätten im Preis zu kräftig hingelangt, den Ruf in Miß – kredit gebracht. Letzten Endes mußten dann die Hoteliers aber doch zugeben, vor der Bankrotterklärung ihrer eigenen Preispolitik zu stehen. Erstmals setzten sie sich deshalb mit deutschen Veranstaltern zusammen, um gemeinsame Lösungen aus dem Dilemma zu suchen.

Die Einsicht kommt spät, Mahnungen wuren lange überhört. Die großen Veranstalter rechnen in der laufenden Wintersaison mit Rückgängen um zwanzig Prozent, die kleineren mit mehr. Für den Sommer – wo sich noch leichter andere Reiseziele anbieten – bewegen sich die Negativ-Schätzungen sogar zwischen 35 und 45 Prozent. Jetzt boten die Spanier das Einfrieren der Preise für den Winter 1980/81 an und verhandeln mit den Veranstaltern, was man im letzten Augenblick noch für den Sommer tun kann. Wie die Bungalow- und Appartementbesitzer reagieren werden, deren Preiserhöhungen sich summa summarum auf 65 Prozent beliefen, bleibt aber ungeklärt.

Die Lage der Tourismusindustrie von Gran Canaria ist nicht einfach. Kaum jemand kann bestreiten, daß die Preisanhebungen teilweise berechtigt waren: Die Inflationsrate liegt bei 20 Prozent, neben den Lohnsteigerungen muß auch das neu eingeführte Sozialversicherungssystem verkraftet werden. Bitter ist nur, daß kaum eines der Luxushotels größere Reserven gebildet hat. Deshalb stimmt auch sicherlich die Klage eines Delegationsmitglieds, daß „Preiszugeständnisse den Hotelier hier sehr hart treffen“. Wenn erneute Lohnsteigerungen kommen, vielleicht eine ungünstige Entscheidung über das Schicksal der Peseten ins Haus steht, kann manchem die Luft ausgehen. Dem versucht man nun eilends durch Rationalisierungsmaßnahmen vorzubeugen.

Das Preisproblem ist allerdings nur eines von vielen. Es zog spärlicher fließende Trinkgelder nach sich und damit sinkende Laune des Personals. Als Luxus konnte man oft nur die Preise, weniger den Service und das Essen bezeichnen. Während früher Kanaren-Reisende gern ein Auge zudrückten, die Flecken auf Kellnerhosen eher als landestypisch ansahen, wollen sie heute für Preise, die sich schon auf bundesdeutschem Niveau bewegen, angemessene Leistung. Die Delegation tröstete, daß auch das Personal inzwischen beunruhigt sei, wieder besser arbeite, daß die Streiklust gesunken sei. Aber damit der Unbill noch nicht genug: Hoteldiebe tummeln sich auf Gran Canaria, und alleinstehende Frauen tun gut daran, abends nicht mehr allein auszugehen. Nicht nur die Bettenburgen erinnern an Manhattan.

Spanienkenner sind der Meinung, daß die kanarische Krise auch ihre Vorteile hat. Wenn die eingerissene Schluderei bald ein Ende habe, könne man langfristig auch die höheren Preise vertreten.

Ingrid Merkert