ARD, Samstag, 9. Februar: „Das weiße Kleid Der Sinn einer kirchlichen Eheschließung

Ich fürchte, es sind nicht viele gewesen, die am Samstagnachmittag um 17 Uhr allmählich erkannten, daß sich im deutschen Fernseher etwas Einzigartiges, niemals Dagewesenes ereignete: Ein Schauspieler probte den Aufstand. Ein Darsteller fiel aus der Rolle, machte sich lustig über seinen Text, grimassierte bei tiefsinniger Dialogen in einer Weise drauflos, die nur als verwegen bezeichnet werden kann. Er spielte Schmieren-Kabarett und parodierte seinen Part mit einer Vehemenz, daß die übrigen Akteure (ein Geistlicher ausgenommen) gleichfalls in Rage gerieten, ihren Affen Zucker gaben und sich mit hoher Kunstfertigkeit wie Dilettanten aufführten, die zum erstenmal vor einer Kamera stehen ... und siehe, der Regisseur ließ sie gewähren, und keiner der Herren, die den Film abgenommen haben, erhob Einspruch.

Wozu auch? Schließlich hatte der Schauspieler mit Hinterlist und Raffinement ja etwas höchst Vernünftiges getan: Er hatte einen befremdlicher. Part als unspielbar, enthüllt und eine fatale Rolle, statt sie zu retten, mit diabolischer Penetranz als abgrundkomisch denunziert.

Man stelle sich vor: Da galt es, einen Lehrer zu spielen, der, ursprünglich ein Feind kirchlicher Trauung, nach mancherlei Gespött über die christliche Ehe flugs zum Pfarrer eilt und dort, nach, einer Drei-Minuten-Unterweisung, seinen Widerstand aufgibt und sich zum Traualtar begibt, um unmittelbar danach, mit einem dämonischenHochzeitsgegner konfrontiert (Bohemier seines Zeichens, Freund alkoholischer Genüsse und zyklischer Reden), die Wahrheit des Spruchs „Bis daß der Tod euch scheide“ zu realisieren.

Und eben darüber hat er sich lustig gemacht, der Schauspieler, der seinen Lehrer wie einen Klassenprimus, aus wilhelminischer Zeit anlegte, rein und keusch und edel, mit dem Sinn fürs Höhere. Von Examensversagern (den Bohemien ereilt die gerechte Strafe: er schläft am Schluß des Stückes ein) und auf sexuelle Freizügigkeit bedachten Turnpädagogen umgeben, ging er jene Bahn, an deren Ende die Erkenntnis stand, daß Bibelsätze allemal wichtiger als Smokings sind, daß es aber, wie das Schicksal des zum Paulus geläuterten Saulus bewies, gleichwohl keineswegs schadet, sich im Smoking trauen zu lassen ... unter den huldvollen Blicken der ebenfalls festlich gekleideten Onkels und Tanten und an der Seite einer Frau, die, vom Traum des Brautkleids besessen, gegen 17.25 Uhr die Oberflächlichkeit des Satzes „Schneider machen Leute“ einzusehen begann. Das geschah in einem Augenblick,als ihre Freundin, das Opfer des nicht heiratswilligen Examenskandidaten, mit dem Satz-vom Zuschauer verabschiedet wurde: „Sie hat sich in den Schlaf geweint.“ Alles schläft. Einsam wacht nur das traute hochheilige Paar: Genau so war’s, das Finale, und genau so hat der Akteur gespielt, zu dieser denkwürdigen Nachmittagsstunde des 9. Februar, in kirchlichem Rahmen.

Mein Gott, müssen die gelacht haben bei den Dreharbeiten, die Schauspieler: Solche Knallchargen spielen zu dürfen, Kitsch as Kitsch cah, immer feste druff, die Augen gerollt, den Papiertext mit genüßlicher Wollust zerbröselt und jeden Satz mit einer Pose zitiert. Sie nahmen alles doppelt wichtig, sie übertrieben so lustvoll, um zu entlarven, daß sich für den Betrachter am Bildschirm selbst die schlichte Fernseh-Kapelle, in der getraut wurde, in die St. Hedwig-Courths-Mahler-Kathedrale verwandelte.

Ich irre mich doch nicht? Das raffinierte Spiel wird doch am Ende nicht ernst gewesen sein? Mein Schauspieler, der es wagte, Akteur und Kritiker zugleich zu sein: ein Dilettant? Nein, das mag ich nicht glauben. Momos