Die Empfehlung der Nord-Süd-Kommission: Wandel tut not – Über die gemeinsamen Interessen der Industrie- und Entwicklungsländer

Von einem Nord-Süd-Dialog ist schon viel die Rede gewesen, und es hat gewiß ernsthafte Beiträge gegeben. Doch sind furchtbar viele Gelegenheiten verpaßt worden. Die ernsten Konfliktpunkte, die reiche und arme Länder trennen, werden sicher nicht durch Vorurteile gelöst, auch nicht durch Wunschdenken. Sie müssen angegangen werden in dem Willen, nützliche Ergebnisse herbeizuführen für Staaten und Regionen und vor allen Dingen für die Menschen in allen Teilen der Welt.

Wandel und Reform können sich nicht wie in einer Einbahnstraße vollziehen. Sie müssen unterstützt werden von Regierungen und Völkern sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern. Wenn wir es ehrlich meinen und die internationale Verständigung fördern wollen, dann dürfen wir keiner freimütigen Diskussion ausweichen. Verschwendung und Korruption, Unterdrückung und Gewalttätigkeit sind unglücklicherweise vielerorts in der Welt anzutreffen. Die Arbeiten an einer neuen internationalen Ordnung können nicht warten, bis diese und andere Übel überwunden sein werden. Wir aus dem Süden und aus dem Norden sollten offen miteinander sprechen über den Machtmißbrauch durch Eliten, den Ausbruch von Fanatismus, das millionenfache Elend von Flüchtlingen.

Die meisten Menschen wissen, daß das gegenwärtige System internationaler Institutionen am Ende des Zweiten Weltkrieges, also vor 35 Jahren, geschaffen wurde. Und auch, daß sich der Süden – dessen Länder zumeist erst spät auf der internationalen Szene erschienen – zahlreichen Benachteiligungen gegenübersieht, die grundlegender Korrektur bedürfen. Hieraus erklärt sich die Forderung nach einer neuen internationalen Wirtschaftsordnung. Natürlich vollzieht sich ein grundlegender Wandel nicht auf dem Papier, sondern in Gestalt eines historischen Prozesses, der in gewisser Hinsicht widerspiegelt, was sich in den Köpfen von Menschen vollzieht oder dort vorgeformt worden ist.

Eine bessere Kenntnis internationaler Vorgänge – und nicht zuletzt der Nord-Süd-Fragen – wird unseren Blick weiten, die Anteilnahme am Schicksal anderer Völker zu etwas machen, das uns selbst angeht. Die Kommission meint, daß die Schulen überall in der Welt den internationalen Problemen mehr Aufmerksamkeit widmen und mehr Bedeutung beimessen sollten, damit junge Menschen die sie bedrohenden Gefahren klarer erkennen.

Es besteht die Gefahr, daß im Jahre 2000 ein großer Teil der Weltbevölkerung weiterhin in Armut lebt. Es ist möglich, daß die Welt übervölkert sein wird, und man wird es zweifellos mit einem Übermaß an Verstädterung zu tun haben. Hungerkatastrophen und zerstörerische Gefahren werden immer wahrscheinlicher, falls nicht ein neuer großer Krieg bereits die Grundlage dessen zerstört hat, was wir Weltzivilisation nennen. Wir sind überzeugt, daß die heutigen Schwierigkeiten ernsterer Natur sind als frühere Rezessionen und Wirtschaftskrisen. So zu tun, als könnten die heutigen Probleme mit den konventionellen Mitteln früherer Jahrzehnte gemeistert werden, wäre gefährlich und unredlich.

Viele derer, die Regierungsverantwortung tragen, aber auch andere, mögen meinen, daß dies der denkbar ungünstigste Augenblick ist, radikale Reformen zur Diskussion zu stellen. Manche werden sich fragen: Wie kann man von den Industriestaaten, die mit eigenen Problemen, stark beschäftigt sind, erwarten, daß sie weitreichende und mutige Schritte tun, um die Zusammenarbeit mit der Welt der Entwicklungsländer wesentlich auszubauen? Aber wir sind der Überzeugung, daß man gerade in einer solchen Krisenzeit die grundlegenden Weltprobleme erkennen und mutige Initiativen ergreifen muß.