Von Rolf Zundel

Der Zufall ist schon einigermaßen bemerkenswert: Gerade als in Bonn bekannt wurde, daß Bundeskanzler Schmidt dem sowjetischen Staats- und Parteichef Breschnjew einen Brief geschickt hatte, beschrieb Außenminister Genscher den Platz der Bundesrepublik in der internationalen Politik so: „An der Seite der Vereinigten Staaten und nicht zwischen den beiden Supermächten.“

Ein Gegensatz? Über diese Spekulation lohnt sich nicht zu reden. Wohl aber wird hier sichtbar, was die Opposition als gefährliche Mehrdeutigkeit und mangelnde Entscheidungskraft zu tadeln pflegt: die schwierige Rolle Bonns, die von der überragenden Notwendigkeit westlicher Gemeinsamkeit geprägt ist und zugleich die Aufgabe enthält, eine Politik der Krisenbegrenzung zu betreiben – und zwar mit der Sowjetunion.

Kriseneindämmung – das heißt für Bonn eben nicht nur, militärtechnische Schlußfolgerungen aus der Invasion in Afghanistan zu ziehen, sondern auch, die Kontakte zur Sowjetunion zu nutdem um die gegenseitige Berechenbarkeit, die schon vor Afghanistan gelitten und seither noch mehr Schaden genommen hat, wieder einigermaßen herzustellen.

Ein Mißverständnis allerdings, das gegenwärtig ausgiebig beredet wird, sollte man dabei nicht allzu ernst nehmen: den von einigen sowjetischen Politikern und Kommentatoren unternommenen Versuch, der Bundesrepublik eine neutrale Haltung einzureden, und die flammende Replik aus der Bundesrepublik. Daß in öffentlicher Rede selbst Sowjetdiplomaten wie der sowjetische Botschafter in der DDR, Abrassimow, bildkräftig drauflos polemisieren, um die unterschiedliche Interessenlage zwischen Amerika und der Bundesrepublik anschaulich zu machen, ändert nichts daran, daß Moskau die Bundesrepublik als Teil des westlichen Bündnisses sieht. Bei dieser Polemik handelt es sich um taktische Scharmützel.

Ernst zu nehmen sind dagegen zwei Sorgen, deren eine den Westen und deren andere die Sowjetunion bewegt. Der Westen fragt sich, ob die Sowjetunion tatsächlich unfähig ist, sich als saturierte Weltmacht, zu begreifen, und ob sie sogar mehr als früher dazu neigt, zur Ausdehnung ihres Interessengebiets militärische Mittel einzusetzen. Die Sowjetunion indes scheint sich zu fragen, wie weit die Ereignisse des letzten Jahres von Amerika benutzt und zum Teil, wie die Kuba-Krise, sogar inszeniert wurden, um in einem neuen Kalten Krieg die eigene Stellung als unzweifelhaft stärkste Weltmacht wiederherzustellen. Und dabei taucht natürlich auch die Überlegung auf, ob sich die politischen Investitionen der Sowjetunion gegenüber der Bundesrepublik eigentlich ausgezahlt haben.

In rückwirkender Neuordnung der Fakten (bei der die Sowjets deutlich überlegen sind) wird in Ost wie West zur Rechtfertigung und Erklärung der Krise jeweils auf der Gegenseite ein langfristiger Meisterplan entdeckt. Über die sachliche Berechtigung dieser Einschätzung läßt sich endlos rechten. Daß diese Einschätzung auf beiden Seiten ziemlich guten Glaubens vertreten wird, ist hingegen nur schwer zu bestreiten.