Von Viola Roggenkamp

Lübeck

Angefangen hatte es mit einem kleinen Zettel. Er war irgendwie in den Gefängnishof der Lübecker Justizvollzugsanstalt Lauerhof geraten. Wahrscheinlich stammte er aus der Verfahrenspost, war vielleicht aus einer Akte herausgerutscht. Nun, so wie er dort lag, auf dem hochummauerten Platz, fand ihn die Anstaltsleitung, beschlagnahmte das Papier und entdeckte darauf die Skizze eines Flächenschußgerätes. Man schloß daraus: Die in Lübeck einsitzenden fünf der RAF (Rote Armee Fraktion) zugerechneten Frauen – Christine Kuby, Brigitte Asdonk, Inga Hochstein, Annerose Reiche und Christa Eckes – schmieden konspirative Pläne.

Dies wurde gemeldet, worauf die Bundesanwaltschaft ermittelte. Dazu mußten die fünf Frauen ihre Einzelzellen im sogenannten „toten Trakt“ verlassen und wurden in einen anderen Gebäudeteil verlegt. Am 23. Januar, acht Wochen nach diesem Zellenwechsel, wurden sie wieder in ihre alten Zellen zurückgebracht. Am Tag darauf verweigerten die Frauen jede Nahrung. Fünf Tage später traten sie zusätzlich in den Durststreik.

In einem Brief, der in der Berliner Tageszeitung veröffentlicht wurde, schildert die inhaftierte Christine Kuby, was angeblich bei dem erneuten Zellenwechsel geschehen war: „Als wir losgehen, quillt auf einmal aus dem Traktflügel, in den wir sollen, ein Rollkommando; sechs männliche und fünf weibliche Bullen. Wir werden stutzig und fragen, was los ist, was sie planen. Im gleichen Moment werden wir von den insgesamt 17 Bullen gepackt und weggeschleift in die völlig leeren Löcher ... Kurz darauf kommen etwa zehn Schließerinnen in die Zelle, in der ich bin. Sie wollen, daß ich mich ausziehe, sonst würden sie’s mit Gewalt machen. Als ich mich weigere, machen sie das Fenster zu, stürzen sich auf mich, reißen mir an den zusammengebunden Haaren den Kopf nach vorne, schlagen mir die Brille aus’m Gesicht, eine zertritt das rechte Glas. Sie zerren mich an den Haaren ans andere Ende der Zelle, wo sie mehr Platz haben und fangen an, mir die Kleider in Fetzen runterzureißen.“

„Nachdem ich halb nackt bin, legen sie mich auf den Boden auf den Rücken und krallen sich überall an mir fest. Auf die Hand, die ich noch bewege, aber überhaupt nichts mit machen kann, stellt sich eine drauf. Als ich schreie, hält mir eine von hinten den Mund zu und schlägt mir ins Gesicht, als ich versuche, mich dagegen zu wehren. Die ganze Zeit halten sie den Oberkörper an den Haaren hoch. Sie lassen mich dann nackt auf’m Boden liegen und ziehen ab, nehmen noch, den Spiegel mit raus ... Bei mir haben sie praktisch alle aktuellen Anwalts- und Verteidigungsunterlagen weggenommen.“

Schwere Vorwürfe gegen die Anstaltsleitung, gegen die Strafvollzugsbeamten. Ernst Greif, Anstaltsleiter von Lübeck-Lauerhof, befragt, ob er dies bestätigen müsse oder dementieren könne, wollte sich „zu diesem Geschreibsel“ überhaupt nicht äußern. „Das ist mir die Sache nicht wert“, ließ er wissen.