Wie die Bevölkerung einer ganzen Region mit ihren begründeten Ängsten allein gelassen wird

Von Hanno Kühnert

Achtung! Achtung! hier spricht die Polizei. Innerhalb des Kernkraftwerks Fessenheim (Elsaß) hat sich heute/gestern gegen ... Uhr ein kerntechnischer Unfall ereignet. Die Bevölkerung wird zum Schutz ihrer Gesundheit dringend gebeten, sich sofort in geschlossene Räume zu begeben und alle Fenster und Türen zu schließen. Schalten Sie die Lüftungs- und Klimaanlagen ab. Der Verzehr von frisch geerntetem Gemüse... ist zu vermeiden...“

Dieser Text von Blatt 274 des Katastrophenschutzplanes für das Kernkraftwerk Fessenheim ist die Vorlage für eine „Warndurchsage“ nach einem Unfall im Atommeiler. In der Durchsage wird auch empfohlen, die Kleidung zu wechseln, sich gründlich zu duschen, das Rundfunkgerät einzuschalten und – sich nicht zu beunruhigen. Über dem Text steht: „VS – nur für den Dienstgebrauch.“

Das Behördenpapier gelangte nur illegal und unvollständig in die Hände von Freiburger Bürgerinitiativen; es war aus einem Aktenschrank des Landratsamtes Lörrach gestohlen, dann photokopiert und vor der Veröffentlichung an die Behörde zurückgesandt worden. Den jungen Leuten, die es vermutlich an sich brachten, fielen nur die Seiten 144 bis 401 in die Hände. Die Seiten 1 bis 143 bleiben unbekannt und unveröffentlicht („bisher noch nicht entwendet“, steht in der ihrerseits wieder sehr lückenhaften und fast nur kommentierenden Publikation der Bürgerinitiativen). Ein junger Mann wurde als Mitwisser, des Diebstahls zunächst zu einem Beugegeld verurteilt, weil er nichts sagte, dann wurde er wegen Strafvereitelung verurteilt.

Seither wächst in der Freiburger Region die Unruhe. Das Kernkraftwerk Fessenheim ist das vierte Atomkraftwerk, mit dem sich das Volk am Oberrhein zu beschäftigen hat. Die Pläne für einen Atommeiler in Breisach würden abgewehrt. Auf Marckolsheim am Rhein scheinen die Franzosen inzwischen verzichtet zu haben. Gegen das Kernkraftwerk Wyhl kämpft dessen künftige Nachbarschaft in zweiter Instanz vor dem Verwaltungsgerichtshof in Mannheim. Die erste Instanz in Freiburg hatte die geplante Anlage verboten und einen Berstschutz verlangt.

Gegen die nukleare Stromfabrik Fessenheim, die bereits seit 1977 in Betrieb ist, gab es am linken Rheinufer nur wenig Widerstand. Die französische Regierung ließ im Zuge ihres Atomprogramms rasch und rücksichtslos bauen. Fessenheim ist derzeit die mächtigste nukleare Anlage der Franzosen. Sie besteht aus zwei Druckwasserreaktoren der Bauart Westinghouse. Druckwasserreaktoren stehen zum Beispiel auch in Biblis und Harrisburg. Sie leisten je 900 Megawatt und decken damit rund vier Prozent der französischen Stromversorgung. Das Kernkraftwerk, für das noch zwei weitere Reaktorblöcke geplant sind, hat keine Kühltürme. Es leitet seine Abwärme in den Rhein-Seiten-Kanal und damit in den Rhein.