Von Reinhardt Stumm

Jemand vor mir niemand neben mir niemand über mir der Vater tot/Himmel ich spring dir auf ich flieg/es drängt zittert stöhnt klagt muß auf schwillt quillt sprengt fliegt muß auf muß auf Ich Ich blühe.“ Dies ist ein hat aus „Vatermord“ von Arnolt Bronnen, 922 in Berlin am Deutschen Theater uraufgeführt, jetzt in Mannheim wiederentdeckt. Der Sohn hat im haßerfüllten Kampf mit dem Vater esiegt. Angestaute Wut auf die autoritäre Vaterfigur entlädt sich im Mord. Dumpfe Verweiflung, erzwungene Demut und Unterwürfigkeit ihre Ursachen, schließlich der irrationale Ausbruch, der Triumph. Anarchie, das Lösen aller Bindungen, aller Fesseln, die Rache und das aus ihrem Vollzug gewonnene Lustgefühl – wie weit ist das von uns, knappe sechzig Jahre spä-er?

Die Väter sind wieder zum Thema geworden.

Die Bücher mehren sich, in denen Schriftsteller ersuchen, mit den Anfängen ihres Lebens ins eine zu kommen.

Vatermord? Die Väter, über die hier geschrieen wird, sind am Ende ihrer Lebensbahn abgebeten. Und haben gerade damit alte Wunden ufgerissen. Was über Jahre zugedeckt war, einfüllt in Familiengeschichten, vernebelt durch elbstdarstellung, unbefragt aus Rücksicht, auch us alter Abhängigkeit von väterlicher Autorität, mußte nun zum Thema werden.

Die Autoren, die hier schreiben, mußten sich in irgendeinem Punkt ihrer Existenz fragen, essen Geschöpfe sie eigentlich sind, wie ihre Abhängigkeiten aussehen, ob sie kontrolliert sind oder unbewußt. Das Verhältnis, zum Vater als dem richtungsweisenden, formenden oder verformenden, biegenden und beugenden Erziehungsgewaltigen bedurfte. der Klärung, gerade durch die Vertreter einer Generation, die in der Nazizeit aufwuchs. Es war die Generation, die unschuldig die Grenze überschritt, die von der Stunde Null gezogen wurde, und die doch affiziert war von dem, was sich in der Zeit vorher ereignet hatte. Die sich damit herumschlug, um Verständnis rang – und die erleben mußte, daß die Elterngeneration nichts Eiligeres zu tun hatte, als sich so schnell wie möglich in den restaurierten Resten von gutem Gewissen wieder einzurichten. Zwischen der Erinnerung, die nur mangelhaft sein konnte, und der Verdrängung stand diese Nachkriegsjugend hilflos, alleingelassen im rhetorischen Lärm vom „Aufbau der Demokratie“ – durch jene, die sie verraten hatten. Und das waren auch die Eltern, die nicht mit den Nazis sympathisierten, die keine Parteigenossen waren, die aber doch stillschweigend ihr Scherflein beitrugen zu dem, was es nachher zu verschweigen galt.

Erst auf dem Weg durch die eigene Biographie konnten diese Schriftsteller auf die Väter stoßen, die ihnen die Startlöcher gegraben hatten. Das Ringen um die Erfüllung der Gegenwartsforderungen hatte das Interesse vom eigenen Herkommen lange abgelenkt. Und erst zunehmendes Alter weckt aufs neue die Neugier, die Fragen nach den Anfängen, nach der Herkunft, nach der Erbschaft. Verschüttetes wurde freigelegt, Erinnerungsarbeit geleistet, und sie mußte verwirrend, schmerzlich, empörend, Tabu brechend sein.