Von Gunter Hofmann

Hier der „Norden“, die Industrieländer, verschanzt in allen internationalen Konferenzen gegen die Wünsche nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung, da der „Süden“, die Entwicklungsländer, die den fruchtlosen Dialog endgültig satt haben und Tacheles reden wollten in den UN – in dieser Stimmung nahm die Nord-Süd-Kommission Willy Brandts im Dezember 1977 ihre Arbeit auf.

Warum Brandt? Warum ein Vorsitzender aus der Bundesrepublik? Sein Werdegang, weiß er, habe ihn „nicht unbedingt für diese Aufgabe qualifiziert“. Aber: Als junger Journalist, „der sich gegen die Diktatur auflehnte, war ich nicht blind gegenüber den Problemen des Kolonialismus und den Kämpfen um Unabhängigkeit“. Zu einer Zeit, als die meisten Leute hierzulande von der Dritten Welt oder den Blockfreien nichts hätten hören wollen, habe er Nehru, Nasser, Tito und andere getroffen. Das „Doppelproblem von Entkolonisierung und Entwicklung“; das reklamiert er für sich, habe er nicht aus den Augen verloren, auch wenn es für ihn als Bundeskanzler andere Prioritäten gab.

Bonn, das ist unbestreitbar, hat die Dritte Welt wirklich spät entdeckt. Als erste, neugierig, aber noch zögerlich, gingen Walter Scheel, nach ihm der Entwicklungshilfe-Minister Wischnewski (während der Großen Koalition) auf Entdeckungsreise. Der Außenminister Brandt hatte damals den Kopf, wie er selbst einräumt, nicht frei für anderes als die Beziehungen von Ost und West. Das war kompliziert genug. Dem Minister Erhard Eppler gelang es, sich mit seinem kleinen Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit ein bißchen freizuschwimmen aus dem mächtigen Sog des Wirtschaftsressorts und des Auswärtigen Amtes, Brandt, jetzt Kanzler, ließ Eppler gewähren – aber die Kraft fehlte, der Entwicklungspolitik wirklich Auftrieb und langfristige Orientierung zu geben. Egon Bahr, Marie Schlei, Rainer Offergeid als Minister in den Kabinetten Helmut Schmidts: An Einsichten und gutem Willen hat es keinem gefehlt, aber an Geld und Rückenstärkung. Jetzt, spät, möchten viele – auch der Außenminister Genscher – an Epplers Versuch wieder anknüpfen, die Dritte-Welt-Politik langfristig zu orientieren, Unabhängigkeit zu fördern. Eine Einsicht, von Dauer?

Statt der offiziellen Gremien, wo man sich festgefahren hatte, sollte die Kommission nach den „gemeinsamen Interessen“, vielleicht sogar „weltweiten Wertvorstellungen“ beim Drink und Plausch suchen. Weltbankpräsident McNamara kam der Gedanke, die internationale Reputation von Willy Brandt – Entspannungspolitiker und Friedensnobelpreisträger – zu nutzen. Vor allem: neben dem Prestige brachte Brandt das Näschen mit, um-eine Gruppe von Primadonnen, zu moderieren. Brandt ist so etwas wie der pater familias der zwanzigköpfigen Runde gewesen, die sich da, zehnmal insgesamt, in Genf, Brüssel, London, Afrika; Asien getroffen hat.

Schon beim Dinner haben sich die Kommission näre nach dem Alphabet zusammengesetzt, damit Ehrpusseligkeiten erst gar nicht aufkeimen, wenn einer den „falschen“ Nachbarn hat. Kein Tonband, keine Assistenten, kein Wust von Papieren; so tun, als wäre alles nur small talk im Brandt-Club, um sich selbst ein wenig zu überlisten und dem: Acht-Millionen-Dollar-Betrag zum Erfolg zu verhelfen.

So erklärt es sich, daß sogar zwei, die sich in der Vergangenheit spinnefeind waren, Edward Heath und Shridath Ramphal, blendend kooperiert haben; hier der britische Tory und Ex-Premier, ein Konservativer, der allerdings UNCTAD-Erfahrung mitbrachte, da der Generalsekretär des Commonwealth (aus Guyana), ein alter Hase in Sachen Dritte Welt und Kämpfer obendrein.