Von Gunter Péus

Da ist sie nun endlich, seit zwei Jahren schon im französischen Original vorhanden, die große populärwissenschaftliche Gesamtgeschichte Afrikas in deutscher Sprache, zum erstenmal und auf nahezu 800 Seiten von einem Afrikaner niedergeschrieben, der sich fast fünfzehn Jahre Zeit dafür nahm, nicht nur, um während seiner Forschungen nach eigenem Zeugnis rund tausend Bücher zu lesen, sondern um Afrika, seine weitere Heimat, selber zu erfahren; um sich, als ausgebildeter Historiker, von seinen Bewohnern die mündlichen Überlieferungen der Stammesherkunft erzählen zu lassen; aber auch, um als Zeitgenosse in einer Krisenphase kontinentalen Ausmaßes herauszufinden, auf welche Hoffnungen afrikanische Menschen bauen, wenn sie sich über die Fortentwicklung ihrer Gesellschaften Gedanken machen.

Daß bei einem so weitgespannten Rahmen mit der darin unterzubringenden riesigen Stoffülle aus allen geographischen und politischen Regionen und Zeitaltern genauso wie aus den wirtschaftlichen, sozio-kulturellen und in Anklängen sogar künstlerischen Bereichen ein wirkliches Lesebuch herauskommt und nicht nur ein dickleibiges Nachschlagewerk, ist die Ausnahme bei einem wissenschaftlichen Autor, der Glücksfall:

Joseph Ki-Zerbo: „Die Geschichte Schwarz-Afrikas“; aus dem Französischen von Elke Hammer; Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1979; 775 S., 56,– DM

Der Verfasser, Lehrer und Historiker aus Obervolta will die afrikanische, deutlich gefühlsbetonte Betrachtungsweise gesellschaftspolitisches Vorgänge nicht verleugnen, im Gegensatz zu dem theoretisch-abstrahierenden Zugang zum Thema, den die europäische akademische Tradition bei uns zur Regel macht. Im Kapitel über die Wirtschaftssysteme und Gesellschaften in Westafrika während der Zeitrechnung des europäischen Mittelalters nähert er sich dem Thema der Frauenrolle auf typische Weise: „Die Frauen bildeten eine besonders unterdrückte Klasse. Trotz der Nachteile, unter denen sie mitunter litt... war (die afrikanische Frau) eine immer lebendige, nie versiegende Quelle der Hoffnung. Nichts Fröhlicheres gab es als eine Gruppe von Frauen, die sich versammelt, um Holz zu sammeln, die Ernte einzubringen oder Hirse zu stampfen ... Als Erzeugerin von Gütern und Kindern, als Priesterin und als Geliebte in leidenschaftlichem Rausch sang die afrikanische Frau immer das Wiegenlied der Völker bei ihren täglichen Plackereien, ihren Mißgeschicken, ihren Träumen und Ängsten, ihren Wonnen und Freuden. Die Religion und die Kunst, aufs innigste verbunden, wirkten ebenso in diesem Sinne ... Mit dieser Haltung erreichte (der schwarze Mann) einen erstaunlichen emotionalen und existentiellen und auch einen geistigen Reichtum. Aber in der Praxis geriet er auf Abwege. Er glaubte, daß der Mensch statt mit Werkzeug mit Ritus und Wort über die Welt herrschen könne.“

Dieser Exkurs aus dem weitgefächerten frühgeschichtlichen Teil des Buches enthält schon die These, die Joseph Ki-Zerbo wie einen roten Faden bis zur Neuzeit und bis zur letzten Seite seines Buches hindurchzieht und immer wieder mit Beispielen belegt: Der Afrikaner hat seine eigene Identität durch alle Epochen der Weltgeschichte bewahrt; damit hat er auch aktiv Einfluß auf den Verlauf der Geschichte gehabt.

So schreibt dieser schwarze Autor sein Geschichtsbuch bewußt gegen die Mauer der Mythen, die Afrikas Bild in Vergangenheit und Gegenwart entstellt und die der Brite Coupland noch 1928 in seinem Handbuch der Geschichte – Ostafrikas glaubte verstärken zu müssen: „Man kann sagen, daß das eigentliche Afrika bis zu D. Livingstone keine Geschichte gehabt hat. Die Mehrheit seiner Bewohner lebte seit undenklichen Zeiten in tiefer Barbarei... Sie bewegten sich weder vor- noch rückwärts.“ Ki-Zerbo räumt ein, manche Geschichtsschreiber seien so freundlich gewesen, die angebliche Rückständigkeit auf die Sonne und die Moskitos zurückzuführen: „Um Gottes willen, räumen wir auf mit dieser Hintertreppen-Geschichte!“