Von Christian Graf von Krockow

Jedem nach seiner Leistung!“ Man stelle sich das einmal vor, im Gedankenexperiment: die verwirklichte Utopie, die vollkommene Gerechtigkeit und Objektivität, mitsamt einem perfekten, die absolute Chancengleichheit garantierenden Bildungssystem. Die Verheißung aus Artikel drei unseres Grundgesetzes endlich verwirklicht: Niemand wird mehr wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt. Stellenbesetzung und Beförderung einzig nach der Eignung und gemäß der nachgewiesenen, ohne Ansehen der Person geprüften Leistung. Wer aufsteigt, wer an die Spitze kommt, der hat es verdient – und natürlich, wer es nicht schafft, auch.

Will man die Sache anschaulich machen, so muß man wohl an den Sport erinnern. Denn in ihm wird „idealtypisch“ die perfekte, völlig objektive Leistungsauslese verwirklicht. Die ganze Gesellschaft, die Welt würde sich also als eine Art von Dauerveranstaltung Olympischer Spiele darstellen; vielleicht nicht von ungefähr haben Coubertin und Avery Brundage die olympische Bewegung als die ideale Religion des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Was daraus folgt, wäre vor allem anderen eine unerhörte Dynamik.

Im Beispiel: Johnny Weissmuller war der berühmteste, überlegenste Kraulschwimmer seiner Epoche. Er stellte zahlreiche Weltrekorde auf und gewann zweifach, 1924 und 1928, olympisches Gold. Dieses Gold vergoldete er später als „Tarzan“. Aber in München 1972 wäre er mit seinen einstigen Spitzenleistungen gar nicht mehr zugelassen – oder noch von den Mädchen geschlagen worden. Doch dem „Superstar“ von München, Mark Spitz – sieben Goldmedaillen – wäre es schon vier Jahre später in Montreal schlecht ergangen, und der letzte seiner insgesamt 34 Weltrekorde ist inzwischen ausgelöscht worden. Die Wechselwirkung von Leistung und Konkurrenz erzwingt das unerbittliche „Vorwärts!“

Das hat schon im 17. Jahrhundert der englische Philosoph Thomas Hobbes hintergründig als den „natürlichen“ Gesellschaftszustand analysiert. Er beschreibt, kaum zufällig im sportlichen Bilde, das menschliche Leben als ein Wettrennen, aller gegen alle. „Von diesem Rennen aber müssen wir annehmen, daß es kein anderes Ziel, keinen anderen Siegeskranz kennt, als: der Erste zu sein... Und das Rennen aufgeben heißt sterben.“ Hannah Arendt hat allerdings von Hobbes gesagt, daß die praktischen Folgerungen aus seinen theoretischen Einsichten erst im 20. Jahrhundert gezogen wurden: „Dieser segensreiche Mangel an Konsequenz war zu einem großen Teil der lebendigen Stärke der abendländischen Tradition geschuldet, die Hobbes’ logischer Scharfsinn um dreihundert Jahre zu früh pulverisiert hatte.“

Wie dem auch sei: Das von Hobbes gezeichnete Bild vom allgemeinen, tödlichen Wettkampf wirkt gewiß alles andere als heiter. Es signalisiert eher Hölle als Paradies. Und bereits als Idee wirft es tiefe Schatten ins menschliche Selbstbewußtsein. Denn wer wenig oder nichts leisten kann – zum Beispiel der Behinderte – oder wer seine Leistungsfähigkeit einbüßt – wie der alternde Mensch –, der ist zu nichts mehr nütze: bloßer Versorgungs- oder Verschrottungsfall.

Das mag kraß formuliert sein. Doch wie anders, wenn nicht vor dem Hintergrund eines leistungsorientierten Elitebewußtseins, konnte in unserer Epoche die „Kampf ums Dasein“-Ideologie Triumphe feiern? Und beleuchten die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Aktionen nicht womöglich nur kraß und grell, was im Unterbewußtsein unserer Zivilisation lauert? Kommt es vielleicht daher, daß der moderne Mensch dem natürlichen, kreatürlichen Schicksal, an dem jede Leistung abprallt – der unheilbaren Krankheit, dem Alter, dem Tod –, kaum mehr ins Auge blicken kann und es den „Fachleuten“ in Pflegeheim und Klinik überantwortet?