Die Küche der armen Vettern
Mehr noch als die Engländer leiden ihre „armen Vettern“, die Iren, unter dem Ruf, ihre Küche diene lediglich zur Abschreckung Fremder. Mehr noch die Briten bemühen sich die Iren schon seit Jahren, diesem Vorurteil entgegenzutreten – mit bislang bescheidenem Erfolg.
Vielleicht helfen jetzt die wenig geliebten Briten den Iren über die gastronomische Schwelle. Egon Ronays diesjähriger Guide (fast ein britisches Gegenstück zum Michelin) hat ein irisches Hotel hinter das Londoner „Ritz“ auf Platz zwei seiner Hitliste gesetzt: Das Platz zwei Castle“, ein monumentales, wenngleich nicht stilsicher ausstaffiertes Hotel in einer traumhaften Seelage bei Hotel County Mayo. Und sechs Restaurants in Irland bewerteten Ronays Testesser mit einem Stern.
In der Tat, das Essen in Irland hat sich verbessert, zumindest in einigen Spitzenrestaurants. Für die Mehrzahl der irischen Kleinstädte gilt aber weiterhin die Faustregel: Immer im besten Hotel am Orte speisen und dann möglichst Lamm, Fisch oder Roastbeef. Steaks sind, obzwar meist von guter Fleischqualität, selten abgehangen, das Gemüse ist entweder aus den Tiefkühlpäckchen der Industrie oder im Wasserbad verkocht. Es ist tröstlich zu wissen, daß diese Art von Küchenverbrechen allmählich weniger wird.
Ein Indiz für das langsam erwachende Gaumbewußtsein der Iren ist die Publikation eines gut dreißig Seiten starken Heftchens, das nunmehr jährlich neu erscheint: Der „Good Food Guide to Ireland“. Er führte in der Ausgabe des letzten Jahres 49 Restaurants an, die unserer Meinung nach durchaus nicht alle diese Erwähnung verdienen. Der Nachteil dieser Broschüre ist es, daß sie auf Empfehlungen einzelner, nicht immer als qualifiziert bekannter Gäste zusammengestellt wird. „Professionelle Inspektionen“ werden nur arrangiert, „wenn dies notwendig ist“.
Wesentlich nützlicher als gastronomischer Begleiter ist eine weit umfangreichere Broschüre der Irischen Touristenorganisation mit dem Titel „Dining in Ireland“. Sie kostet 25 Pence, erscheint jedes Jahr neu und ist nach Grafschaften geordnet.
Das Heftchen zeichnet sich durch weitgehende Vollständigkeit und durch eine preisliche Kategorisierung in drei Gruppen aus. Die „remarks“ sind hilfreich bei der Einschätzung eines Restaurants, beanspruchen aber (zu Recht) nicht, kulinarische Wertmaßstäbe anzulegen. Eine Reihe von Restaurants, diesmal 24, werden jeweils auf Empfehlungen von Gästen und nach Überprüfungen von Inspektoren mit dem „Award of Excellence“ der Tourismus-Organisation ausgezeichnet. Einige der verliehenen Preise erscheinen aber strittig.



