Der Zwang zu einer Entziehungskur

Die Inflation nimmt zu, die Eindämmung wird immer schwieriger

Von Michael Jungblut

Gäbe es eine Tapferkeitsmedaille für Unerschrockenheit im Kampf gegen Pessimismus und Kleinmut, Martin Grüner hätte sie sich redlich verdient. Der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium bewies bei der Eröffnung der Frankfurter Frühjahrsmesse in Vertretung seines erkrankten Ministers, daß man nicht nur die gegenwärtige Lage, sondern auch die weitere wirtschaftliche Entwicklung in diesem Jahr durchaus positiv sehen kann.

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Trotz aller weltwirtschaftlichen Turbulenzen im Gefolge der Ölpreiserhöhung und eines immer noch drohenden westöstlichen Wirtschaftskrieg ges und zum Teil recht düsterer Konjunkturprognosen verkündete Grüner, daß die Bundesregierung standhaft an ihrem Wachstumsziel von 2,5 Prozent festhält. Obwohl in diesem Jahr Zehntausende von zusätzlichen Erwerbstätigen auf den Arbeitsmarkt drängen werden, hält man in Bonn auch an der Hoffnung fest, daß die Arbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt unter vier Prozent gedrückt werden kann. Um bei den Herstellern von Konsumgütern keine defaitistische Stimmung aufkommen zu lassen und den Verbrauchern zu bescheinigen, daß sie ihre vaterländische Pflicht tun, bot Grüner in Frankfurt zudem noch einen rhetorischen Drahtseilakt. Er erklärte den versammelten Unternehmern, die Verbraucher würden Zur Zeit weder aus Angst vor einem Konjunktureinbruch zuviel sparen, noch würden sie aus Furcht vor noch mehr Inflation allzuviel kaufen.

Dabei gibt es handfeste Gründe, die Preisentwicklung mit Sorge zu betrachten. Denn die Inflationsrate in der Bundesrepublik hat erstmals wieder die Grenze von fünf Prozent überschritten. Für viele unserer Nachbarländer wäre das zwar eine Traumzahl, für die Bundesrepublik ist es aber eher eine Schreckensziffer. Denn niemand würde heute noch sagen, daß fünf Prozent Inflation besser sind als fünf Prozent Arbeitslosigkeit. Die Erfahrung in den siebziger Jahren hat gelehrt, daß diese einst von Helmut Schmidt geprägte Formel nicht stimmt. Eine galoppierende Inflation zieht bald eine wachsende Arbeitslosigkeit nach sich.

Auch in anderen Ländern weiß man heute, daß das „süße Gift der Inflation“ allenfalls kurzfristig Erleichterung bringt, aber bereits nach kurzer Zeit die Probleme am Arbeitsmarkt noch verschärft. Doch einer Gesellschaft, die einmal zu viel von diesem Gift genossen hat, fällt es außerordentlich schwer, die notwendige Entziehungskur durchzuhalten. Frankreichs Ministerpräsident Raimond Barre führt diesen Kampf zwar mit bemerkenswertem politischen Mut und großer Entschlossenheit, aber bisher blieben ihm nennenswerte Erfolge versagt. Ob Margaret Thatcher in Großbritannien mehr Glück beschieden ist, kann heute noch niemand sagen. Bisher sieht es eher danach aus, als ob ihre wirtschaftspolitische Kur eher das Gegenteil bewirkt. Arbeitslosigkeit und Inflation nehmen gleichermaßen zu. Das britische Preisniveau liegt heute um rund siebzehn Prozent höher als vor einem Jahr.

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