Kulinarisches aus Madrid

Das Geheimnis der Fußbank

Bei Horcher bleibt die deutsehe Küche Trumpf / Von Volker Mauersberger

Schon an Madrids Flughafen Barajas hatte Freund Erich, der es mit den Siebecks und Paczenskys dieser Welt ohne weiteres aufnehmen kann, von Horcher zu reden begonnen, und als wir endlich das Verkehrsgewühl an der Puerta de Alcala hinter uns gelassen hatten und in die Straße Alfonso XII. eingebogen waren, zeigte er sich über die schmalbrüstige Belle- Epoque-Fassade erstaunt, hinter der sich das berühmte Restaurant verbirgt.

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„Es gibt keinen guten oder schlechten Gast", hat Horchers Maitre Karl Heckh in seinen inzwischen vergriffenen Erinnerungen geschrieben. Dieser Satz gilt auch dann, wenn zwischen den Füchsen und Ozelots an der Garderobe Erichs Nylon verschwindet. Der gegenwärtige und in einen makellosen Stresemann gewandete MäJtre des Hauses Horcher, Don Cristobal Lopez Prieto, hat uns jedenfalls mit zuvorkommender Liebenswürdigkeit und schon am Aufgang zum Restaurant empfangen — und dies, obwohl wir schon in den ersten Sekunden die Contenance einen Augenblick lang verloren. Denn die galante Art und Weise, wie herbeieilende Kellner den uns begleitenden Damen eine samtbeschlagene Fußbank unterschoben, gehört zu den Überraschungseffekten jeder Horcher-Premiere.

Das Geheimnis des Hauses Horcher hat immer darin bestanden, nicht nur am Kochtopf, sondern auch bei der Bewirtung des Gastes besser als die Konkurrenz zu sein. Seitdem der aus dem Schwarzwald in die Berliner Lutherstraße aufgebrochene Gustav Horcher die Dynastie seines Hauses begründete, hat er stets nach dieser Maxime gehandelt: nicht nur die einundfünfzig, in festliches Schweinsleder gebundenen Gästebücher sind schriftlicher Beweis dafür, daß sich seit-1904 nichts an dieser klassischen Ausrichtung geändert hat.

Dabei hat Horcher immer noch damit zu kämpfen, nicht dauernd mit dem traditionsreichen Berliner Restaurant verglichen zu werden. „Bei Horcher essen, trinken, plauschen, wir hören Berliner Linden rauschen", steht in deutscher Gebrauchsprosa im Gästebuch geschrieben; nicht nur solcher Knittelreim beweist, wie sehr die spanisehe Dependance an ihrem deutschen Vorläufer gemessen wird. Als der Gastronomie-Rezensent des El Pais Semanal bei einer Beschreibung von Horchers Fünf-Gabel-Restaurant seinen Lesern die Geschichte auftischen wollte, der zu Lebzeiten als streng geltende Gustav Horcher habe dem deutschen Reichspräsidenten General von Hindenburg beim Streit um die richtige „Trokkenbeerenauslese" die Tür gewiesen, meldete sich ein nach Spanien verschlagener Alt-Gourmet und zweifelte an, daß der an die Gulaschkanone gewöhnte Hindenburg den Berliner Schlemmertempel je betreten habe.

Noch heute richtet sich der Ruf des 1943 nach Madrid ausgewanderten Horcher an den Legenden um die Berliner Lutherstraße aus: Alte Freunde des Hauses erinnern sich beim Antlick der Glasvitrinen mit Porzellanfiguren der Wiener Hoffeitschule daran, daß es dies in Berlin noch viel teurer und besser gegeben habe. Auch sei das Interieur von Madrid mit jenen drei kleinen Salons kaum zu vergleichen, in deren Bücherregalen alle Exemplare des deutschen Gotha standen, von der mächtigen Büste Friedrichs des Großen im

DiemüSäfnt beschlagene Fußbank gehört bei Horcher zur Tradition

Rosten 1 vor fvlümmer 6 : ; in cHr Straße Alfonso XII.

Aufnahmen: N; Herzog-Verrey

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  • Von Volker Mauersberger
  • Datum 14.3.1980 - 13:00 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 14.03.1980 Nr. 12
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