Wanzen und Mini-Spione bedrohen das Privatleben

Der Herausgeber des Bayernkurier, Franz Josef Strauß, Listseeweg 7, München, Telephon damals 78 69 59, rief am 28. September 1976 bei dem Chefredakteur des CSU-Blattes, Wilfried Scharnagl, Lazarettstraße 19, München, Telephon 18 20 11, an. Es war kurz vor der letzten Bundestagswahl. Der Parteivorsitzende erteilte dem Journalisten Regieanweisungen für einen Artikel, der dann unter dem Titel „Nach Art der Mafia“ am 2. Oktober 1976 im weiß-blauen Parteiorgan für Stimmung sorgte: im Stil und Sinne des Herrn.

Eineinhalb Jahre später widerfuhr beiden ein Déjà-vu-Erlebnis besonders unangenehmer Art: Am 14. Januar 1978 lasen Strauß und Scharnagl ein Protokoll ihrer Konversation in der Süddeutschen Zeitung. „Zu 70 Prozent“ Originalton (Strauß). „Nach Art der Mafia“ hatten Unbekannte den Politiker belauscht. Die gefälschte Gesprächsversion sollte den skandalträchtigen Parteichef in den Sumpf der weltweiten Lockheed-Bestechungsaffären stoßen. Erstaunlicherweise hatte das liberale Münchner Blatt das anonym zugesandte Elaborat (auf kopiertem Formularpapier des Bundesnachrichtendienstes) als echt und druckbar akzeptiert.

Die Lauscher wurden nie gefunden. Ein geheimer Bericht der Bundespost weiß inzwischen von „geschnittenen Leitungen im 11. Stockwerk des damaligen Wohnhauses von Strauß. Der Telephonendverzweiger im Keller, gegen verbotenen Zugriff ungesichert, enthielt zwei Verbindungen, die mit rotem Klebeband umwickelt waren, „das als Signalfarbe nur bei besonders wichtigen Leitungen verwendet werden darf“. Im 10. Stockwerk entdeckten die Postler einen Schaltdraht, der teilweise „abisoliert“ war: Es konnte nicht festgestellt werden, wie dieser Draht dann weitergeführt wurde. „Unregelmäßigkeiten, Auffälligkeiten“ – „so ganz astrein“ ging es im Telephonsystem des Straußschen Hochhauses am Listseeweg nicht zu, befindet Staatssekretär Elias von der Bundespost.

Dem frechen Lauschangriff folgten Erkenntnisse ebenso verblüffender Art: In den dreieinhalb Jahren seit jenem Anruf hat der alsbald einberufene erste Untersuchungsausschuß des 8. Deutschen Bundestages, der sich der schlagzeilenstarken Geschichte annahm, mindestens 16 amtliche Abhöraffären aufgedeckt. Nach 52 und zungen und der Einvernahme von 60 Zeugen und Experten – 24 von ihnen wurden im geheimen gehört – wollen die Parlamentarier ihren Abschlußbericht vorlegen. Indes beantwortet das noch unveröffentlichte Konvolut mit dem Siegel „VS – Nur für den Dienstgebrauch“ nicht die Frage: Wer hat Strauß belauscht? Redakteur Scharnagl, ein überarbeiteter Zweizentnermann, seufzt mehr als drei Jahre nach dem Ereignis: „Ich mag gar nicht offen reden, wenn ich mit Bonn telephoniere. Wer weiß, wer sich noch alles dazuschaltet?“

Der sozialdemokratische Berichterstatter des Abhörausschusses, Jürgen Linde, hat eine Lehre fürs Leben aus den Aussagen der herbeizitierten Experten (unter ihnen die Präsidenten der deutschen Geheimdienste Kinkel, Meier und Komossa) gezogen: „Telephonieren ist nichts Privates, sondern Massenkommunikation.“ Jeder darf mithören? Ein Anruf der ZEIT bei Linde führte jedenfalls – Zufall oder nicht? – mitten in ein Telephongespräch seines politischen Assistenten. Jeder hörte jeden – ein akustisches Dreieck. Die Post fahndet nach der Ursache.

Abhörhysterie? Vor der Untersuchungskommission wiegelte ein Oberstleutnant der Dezernatsgruppe MAD-Technik in einer Geheimsitzung alle Ängste ab: Die Abhörgeräte seines Amtes, monierte er, seien „schrottreif“. Freilich meinte der frustrierte Lausch-Offizier die Geräte von 1972. Nur acht Jahre später, im Orwellschen Jahrzehnt, hat die Miniaturisierung der elektronischen Abhörtechnik und des Computerbaus literarische Zukunftsvisionen vom „Großen Bruder Staat“ in geräuschlos funktionierende Wirklichkeit verwandelt.

„Es waren idyllische Zeiten“, erinnerte einmal der Abgeordnete Kleinen den Bundestag, „als man irgendwann einmal aufstehen, die Tür aufreißen und davor einen Lauscher finden konnte oder nicht.“

Kleinen und seine Kollegen machen sich berechtigte Sorgen um den Angriff auf das Privatleben durch indiskrete, von Amateuren heimlich plazierte Minispione. Doch der Staat, im Besitz von Gesetzesprivilegien und technischem Knowhow, läßt derweil woanders zuhören – nicht etwa an „Endverteilern“ im Keller, schön individuell, oder mit Wanzen im Traube-Stil, sondern zumal in den Zentralvermittlungsstellen – en masse.

Spätestens seit der Afghanistan-Krise, so ergeben Recherchen der ZEIT, nimmt der Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach bei München Tausende von Ferngesprächen auf, die mit dem östlichen Ausland geführt werden. Kanzleramtschef Manfred Schüler, der diesen Sachverhalt nicht dementieren kann, sagt (ohne Zahlen zu nennen): Die strategische Telephon-Kontrolle „setzt an drahtgebundenen Einrichtungen an“ – in den acht Zentralvermittlungsstellen der Bundespost wohl, zumal in den Stellen 5 (Hannover) und 9 (Nürnberg). Hier wird auch der Richtfunk-Telephonverkehr mit der DDR und der ČSSR bewältigt. Hängen bei diesen Behörden, wie ein Fachmann des Bundeskanzleramtes behauptet, die „Neger“ der Geheimdienste an den Strippen? Das sind mattschwarze, zirka 40 Zentimeter lange Metallkästen, vom BND und vom Verfassungsschutz gemeinsam entwickelt, die den amtlichen „Einbruch“ in die Telephongespräche ermöglichen, ohne daß der Belauschte etwas merkt. Gemessen an derlei Großangriffen auf die Privatsphäre der Bundesbürger sind die bisherigen, amtlich bekannten Abhörübungen des letzten Jahrzehnts Kleckerkram. Und: „Prinzipiell“, so Kanzleramtschef Manfred Schüler, „ist natürlich nicht auszuschließen, daß auch Inlandsgespräche aufgefangen werden.“ Das wäre freilich nicht im Sinne des Gesetzes (siehe Kasten Seite 10). Doch Skeptiker glaubt der hohe Beamte mit der Auskunft zu beruhigen, daß (zufällig verfaßte) Protokolle von Inlandsgesprächen „sofort vernichtet werden“.

Das gesetzlich „gewollte Mittel“ (Schüler) der Telephonkontrolle erleichtert den heimlichen Zuhörern beim BND, aus aufgefangenen Informationsbruchstücken ein militärpolitisches Mosaik der „Lage“ im Ostblock zusammenzufügen. Daß dabei die gesetzliche Grundlage der Abhöroperationen „sehr weit ausgelegt wird“ (so ein versierter Bonner Beamter) mag diejenigen verdrießen, die sich an die Debatten um die Notstandsgesetze vor zwölf Jahren erinnern. Damals versicherten Gesetzgeber und Behörden, man gedenke die gesetzliche „Beschränkung“ des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses nur im tatsächlichen Notstand zu praktizieren. Das entsprechende Gesetz trägt (unter anderem) die Unterschrift von Bundeskanzler Kiesinger, Innenministern Benda und Justizminister Heinemann („G 10 – Gesetz“ vom 13. August 1968). Heute erfährt man bei der Post, daß aus einigen Telephonknotenämtern der Nation (insgesamt gibt es 450 Knotenvermittlungsstellen, 60 Hauptvermittlungs- und acht Zentralvermittlungsstellen) „festgeschaltete Standleitungen“ zu den staatlichen Abhörern laufen. „Die bezahlen dafür ihre Gebühren wie jeder andere Kunde auch“, sagt ein Sprecher des Postministeriums – als sei dies das Normalste der Amtswelt von Bonn.

Vor Jahresfrist gab Kanzleramtschef und Geheimdienst-Koordinator Manfred Schüler zu, daß jährlich Hunderttausende von Sendungen aus dem deutschen Postverkehr mit den Staaten des Warschauer Paktes vom Bundesnachrichtendienst kontrolliert werden – säckeweise. Eine ebenso formaljuristisch legale Aufzeichnung Tausender Telephon nate ist freilichnicht minder problematisch als die Öffnung von Briefen über den „Dampftöpfen“ eines BND-Referats.

Anders als Schüler („drahtgebundene Einrichtungen“) beharren Bonner Kenner der Materie gegenüber der ZEIT darauf, daß ein bevorzugtes Kontrollfeld der Pullacher Zuhörer die über Richtfunk geführten Auslandstelephonate in östlicher Himmelsrichtung seien. So verfügt die Bundespost über einen Richtfunksender mit 1800 Gesprächskanälen in die ČSSR und einen anderen mit 960 Kanälen in die DDR (zusammen genauso viel wie für Dänemark). Zwei Drittel aller Inlandsferngespräche laufen aber in der Bundesrepublik auch über Richtfunk. Post-Staatssekretär Elias: „Im Selbstwählferndienst ist das System der sogenannten Leitweglenkung eingeführt worden. Dabei werden die Gesprächsverbindungen zufallsbedingt auf einem von vielen möglichen Wegen hergestellt. Die Fernleitungen werden dabei über unterirdische Fernkabel oder drahtlos über Richtlinien geführt. In beiden Fällen werden die einzelnen Gespräche mit Hilfe der Trägerfrequenztechnik in hohe Frequenzbereiche verlagert und übertragen. Ein Zugriff auf ein bestimmtes Gespräch ist praktisch nicht möglich.“

Allerdings wäre ein technisch modern ausgerüsteter Dienst in der Lage, ganze Gesprächsbündel aufzunehmen, zu „demodulieren“ und zu protokollieren. Daß es dabei technisch – bei einigen Richtfunksendern – unvermeidlich sei, daß nicht nur Gespräche aus dem west-östlichen Telephonverkehr „kontrolliert“ werden, sondern auch innerdeutsche Telephonate (vom Liebesgeflüster bis zur Verabredung zum Betrug), ist eine der Hauptbefürchtungen von eingeweihte^ Parlamentariern in Bonn. Tatsache ist, daß Auslandsferngespräche in die ČSSR und in die DDR zumindest bis Nürnberg bzw. bis Hannover mit Inlandsferngesprächen gebündelt werden. Erst von den beiden Zentralvermittlungsstellen aus werden die west-östlichen Telephonate „ungemischt“ per Richtfunk über die Grenze gestrahlt. Daß „verbündete“ fremde Dienste über Satelliten oder andere Geräte verfügen, die deutschen Sicherheitsdiensten den Zugriff auf deutsche Richtfunkgespräche ermöglichen, ist ebensowenig völlig auszuschließen wie die Gefahr, daß mit solch fortgeschrittener Methode zahlreiche Inlandsgespräche aufgezeichnet werden.

Technische Wissenslücken der Dienste hilft das „Gesetz zur Beschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses“, das sogenannte „G-10-Gesetz“ zu schließen: „Die Deutsche Bundespost hat der berechtigten Stelle... das Abhören des Fernsprechverkehrs und das Mitlesen des Fernschreibverkehrs zu ermöglichen.“

Mögliche finanzielle Engpässe überbrückt im Jahr 1980 der Haushaltstitel 541 01: „Zuschuß an den Bundesnachrichtendienst – 153 Millionen Mark.“ Solchermaßen bestückt, steht auch nicht zu befürchten, daß die Pullacher Zuhörer vor der Fülle irrelevanter Telephonate verzagen müssen; im Gegenteil. In den Geheimbranchen wird seit Jahren schon elektronisch sortiert. Vor einem Jahr berichtete der stern in einem aufsehenerregenden Artikel („Wie kommen Ihre Briefe zum Geheimdienst?“) vom Fleiß des „Fernmeldetechnischen Instituts“ im Süden Münchens – einer BND-Dependance. Aber auch die (verbündeten) Kollegen amerikanischer Sicherheitsdienste träumen nicht: Die bislang unvorstellbaren technischen Möglichkeiten der elektronischen Kontrolle und Überprüfung von Telephonaten demonstriert in den USA ein Computer namens Harvest, „Ernte“, der im Auftrag der National Security Agency entwickelt worden ist.

Es geht alles legal zu

Im Jahr 1974 überwachte die Erntemaschine 75 Millionen Telephongespräche und wählte 1,8 -Millionen zur Analyse durch Menschen aus. Bei jährlich 217 Millionen deutschen Auslandsgesprächen (Stand 1979) – zusammen 15,2 Millionen Stunden – bedürfte es drei solcher Super-Computer, um eine totalstaatliche „strategische Kontrolle“ zu ermöglichen. Digitale Sortiertechnik würde die Spreu vom Weizen unter den Telephonaten trennen, ehe ein Dritter das Gespräch – auf Band fixiert – belauschen könnte. Indes: „Wir beherrschen diese Technik nicht“ (Manfred Schüler). Noch nicht.

Zumal die Pullacher Amtsstellen lehnen öffentlich jeden Sachkommentar zu solch problematischer Pauschal-Telephonüberwachung ab. Ein politischer Intimus des Außenministers versichert der ZEIT nur, „strategische Kontrolle“ sei „kein Knüller“. Es gehe alles mit rechten Dingen zu. In der Tat steht die Legalität der Operation Großes Ohr noch nicht zur Debatte. BND-Pressesprecher Bergfeld versichert prinzipiell: „Wir bewegen uns strikt im Rahmen der Gesetze und Vorschriften.“ Er hat recht. Kein Grundrecht scheint im „Zeitalter des Verrats“ (Margaret Boveri) und seiner staatlichen Abwehr stärker gefährdet als das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis. Beschränkende Ergänzungsgesetze haben Artikel 10 des Grundgesetzes – „Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich“. – ausgehöhlt.

Auf Bundesebene regelt ein pauschales Ermächtigungsgesetz ebenso pauschale Lauschoperationen. Paragraph 3 des G-10-Gesetzes (siehe Kasten) besagt, daß Abhör- und Briefkontrollmaßnahmen zulässig sind „zur Sammlung von Nachrichten über Sachverhalte, deren Kenntnis notwendig ist, um die Gefahr eines bewaffneten Angriffs auf die Bundesrepublik Deutschland rechtzeitig zu erkennen und einer solchen Gefahr zu begegnen“. Was „notwendig“, was „rechtzeitig“ ist – das ergibt sich vor allem aus der Praxis und den Abhöranträgen der Dienste.

Kanzleramtschef Schüler: „Die auf drei Monate befristete Beschränkungsanordnung trifft der hierzu beauftragte Bundesminister der Verteidigung. Zulässigkeit und Notwendigkeit der Anordnung werden von der aus unabhängigen Persönlichkeiten bestehenden G10-Kommission grundsätzlich vor dem Vollzug der Maßnahme geprüft. Die Durchführung des G-10 kontrolliert das aus fünf Abgeordneten des Deutschen Bundestages bestehende G-10-Gremium.“

Allerdings meint Schüler, niemand könne erwarten, daß hinter den Pullacher „Beamten permanent ein Parlamentarier steht, der ihnen über die Schultern schaut.“ Das G-10-Gremium urteilt auch über Beschwerden ob der Telefonkontrolle.

Aber wer, wo doch alles so geheim abläuit, kann sich beschweren? Bei wem? Ein Individualbeschwerderecht existiert jedenfalls nicht. Dem einzelnen Bürger ist die Chance zum wirksamen Protest genommen. Denn – so die Logik des Abhörgesetzes – den BND interessieren ja nicht die Emzeltelephonate, sondern ihr Gesamtbild.

Ein Mitglied der G-10-Kommission, der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Hamburger Jurist Claus Arndt, über das Ausmaß der strategischen Kontrolle durch den BND befragt, antwortete sibyllinisch: „Kein Kommentar.“ Oder doch ein Kommentar: In der nächsten Ausgabe der Zeitschrift Recht und Politik versichert Arndt seinen Lesern, daß, im Rahmen der geheimdienstlichen Großkontrolle die Überwachung „einzelner Personen nicht erfolgen darf“. Und wen das nicht tröstet, dem ruft der Jurist stolz zu: „Praktisch alle Staaten der Erde praktizieren das, was Paragraph 3 des G-10-Gesetzes gestattet; aber nirgends bestellt eine mit der deutschen auch nur annähernd vergleichbare rechtsstaatliche Regelung und Kontrolle.“ Fünf ehrenwerte G-10-Gremiumsmitglieder des Deutschen Bundestages kontrollieren furchtlos die geheime technische Revolution der Nachrichtendienste?

Nicht alles Geheime ist freilich skandalös. Daß die Auswertung der Telephon- und Postprotokolle in Pullach gesetzlich-taktvoll und nicht zum Schaden von Einzelpersonen abläuft, bleibt bis zum Beweis des Gegenteils anzunehmen. Aus winzigen Informationsteilen – „Willy kann nicht mit zum Zeiten nach Rügen“, „Ernst schreibt seit zwei Wochen nicht mehr“ – setzen die „G-10“-Männer der Nachrichtenbeschaffer die Meldung zusammen: Überraschendes Herbstmanöver im Norden der DDR. So wußten die BND-Lauscher und -Leser vor der amerikanischen CIA vom geplanten Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die ČSSR im Jahre 1968. Und selbst die Invasion der Sowjets in Afghanistan vorige Weihnachten sei von den Pullachern präzis prognostiziert worden, kursiert ein Gerücht in Bonn.

Ein zweites Riesenohr des Westens lauscht in Berlin. Auf dem Teufelsberg horchen die Experten des 13th Signal Regiment Ihrer Majestät und ihre US-Kollegen den Äther des Ostblocks bis zum Ural ab. 380 Mitarbeiter führen Protokoll – mit roten Ohren? Ein Kenner: „Es wird so viel Unsinn und Sinnloses geredet am Telephon – hier zuzuhören oder gar mitzuschreiben, ist eine fürchterlich ermüdende Arbeit.“ Daß der Gegner im Osten mithört, ist bekannt.

Doch der Bonner Abhörausschuß traf auch auf inspirierte Berufslauscher, deren Verve sie verführte, Gesetzeshürden zu überspringen. Bei ihrer unermüdlichen Jagd nach den Fälschern des Sitrauß/Scharnagl-Protokolls stießen die fleißigen Bundestagsabgeordneten auf gesetzlich fragwürdage Abhöroperationen des Militärischen Abschirmdienstes (rund 2000 Mitarbeiter, Zentrale: Köln, Brühler Straße 300). So war etwa die Vorzimmerdame von Verteidigungsminister Leber, Hildegard Volz, in ungerechten Spionageverdacht geraten. Der Dienst drang massiv in ihr Privatleben ein, verfolgte sie – verbotenerweise – ins Ausland (nach Österreich) und operierte auch anderweitig ohne legales Netz. Leber aber wußte von allem nichts und stürzte schließlich über seine Unkenntnis und die falschen Ratschläge seiner Hausjuristen Sie hielten den MAD-Lauschangriff auf ein Büro des Kommunistischen Bunds Westdeutschland in Frankfurt Ende 1976 für legal.

Auf dem Höhepunkt des MAD-Skandals kommentierte der freidemokratische Fraktionsvorsitzende Wolfgang Mischnick: „Das parlamentarische Vertrauensmännergremium“ (zur Kontrolle deutscher Geheimdienste verpflichtet) „hat nicht effektiv gearbeitet. Die Leute haben so gut wie nichts erfahren oder jedenfalls nicht das, was wirklich kritisch war, und das zeigt nach meiner Meinung ganz klar, daß man hier eine Änderung schaffen muß.“

Das Parlament tappt im dunkeln

Das sagte er vor drei Jahren. Seitdem hat sich gar nichts geändert. Die Vertrauensmänner vertrauen, der Rest des Parlaments tappt im dunkeln. Manche Politiker raffen sich noch zum Ausdruck des Bedauerns auf: So wundert sich Abgeordneter Linde darüber, daß nicht nur Brigadegeneral a.D. Scherer (MAD), sondern auch Vizepräsident Dieter Blötz (BND) davon ausgehen, daß ihre Dienste das Recht zu Maßnahmen haben, die sich einzig und allein aus ihren Aufträgen definieren. Linde: „Wie Amts- und Würdenträger im letzten Jahrhundert.“

Zu deutsch: Der Zweck – Sicherheit – heiligt die Mittel? Müssen Gebote innerer Freiheit den Zwängen äußerer Sicherheit bis zur Unkenntlichkeit unterworfen werden?

Ist den Enthüllungen des seriösen Londoner Journals New Statesman zu glauben – und selbst die Times folgt seinen Schlagzeilen –, so lautet die Antwort für Scherers und Blötz’ britische Kollegen Yes, indeed. In England wird staatlich im großen Stil abgehört.

Der Journalist Duncan Campbell, Mitarbeiter des New Statesman und vorübergehend selbst ein Opfer von Abhörmaßnahmen, konnte das Zentrum der insularen Lauschaktion im Londoner Stadtteil Chelsea ausmachen. In der Ebury Bridge Road 93, Telephon 4 32-41 32, operieren die angesächsischen Geheimdienste, M I 5, M1 6 und andere. Was Campbell über die Techniken der Amtszuhörer zu berichten weiß, muß auch hierzulande interessieren, da die Kontakte zwischen deutschen und englischen Sicherheitsdiensten seit gut drei Jahrzehnten eng sind.

Campbell: „Vor zweieinhalb Jahren besuchten Experten der Special-lnvestigations-Abteilung der britischen Post deutsche Sicherheitsbeamte, um Kenntnisse über Wanzen auszutauschen. Bei einer Gelegenheit führten sie eine ‚Unendlich-Wanze‘ vor. Man baut sie im Telephon des Opfers ein. Der Apparat wird vom Lauscher angewählt, und dient fortan als Mikrophon, für die ganze Wohnung des Abgehörten.“ Der Lauscher darf sich also von seinem Opfer beliebig („unendlich“) weit entfernen – solange er nur in Reichweite eines Telephons bleibt, von dem aus er durch einen Anruf die „Wanze“ aktivieren kann. Nach solcher „Benachrichtigung“ simuliert der eingebaute Minispion das Abheben des angewählten Telephonhörers: Der Lauscher hört, was in der Ferne gesagt wird, auch wenn der Hörer des Belauschten auf der Gabel liegt.

„Kampfziel“ der akustischen Geheimmaßnahmen in London sind unter anderem die Botschaften; natürlich auch – so Campbells Informant – die diplomatische Vertretung des „besonderen Verbündeten“ USA. Daß die deutsche Botschaft vor der Neugier der Agenten von Margaret Thatcher gefeit sei, steht nicht zu vermuten. Im Gegenteil: Vor Jahresfrist hörte der Leiter der Rechts- und Konsularabteilung während eines Telephonats plötzlich, wie seine beiden letzten Sätze wiederholt wurden, als wollte ein Computer ihn an eben Gesagtes erinnern.

Den größten Erfolg in jüngerer Zeit verbuchten die britischen Spooks (Geheimdienstjargon für „Agenten“) im letzten Winter. Die dramatische Rhodesienkonferenz im Lancaster House zu London war das Ziel eines allumfassenden Lauschangriffs. Im Auftrag der englischen Regierung, berichtet die Sunday Times, wurden nicht nur die Telephone, sondern auch die Hotelzimmer der Delegationen von Joshua Nkomo und Robert Mugabe „verwanzt“. Aus dem südlichen Afrika eingeflogene Dolmetscher übersetzten den Briten die afrikanischen Dialekte der wahrscheinlich ahnungslosen Guerillaführer. Mit derlei Jokern in der Hand war es Lord Carrington dann ein leichtes, das diplomatische Pokerspiel im Lancaster House zu gewinnen.

Die Ampex-Geräte der englischen Geheimdienste in der Ebury Road, so der Journalist Campbell, können bis zu 5000 Telephonate gleichzeitig mitschneiden, Damit die Bänder mit 64 Kanälen nicht umsonst laufen, sorgt ein Computer dafür, daß nur politisch und polizeilich Relevantes aufgenommen wird. Denn seit 1978 können die Geräte abgelauschte Gespräche gleichsam „hören“: Sie setzen die Tonbänder erst dann in Gang, wenn programmierte Reizwörter wie etwa „IRA“, „Pistole“ oder „Premierminister“ fallen. Damit nicht genug – die Gespräche können von Computern maschinell ausgeschrieben werden, berichtet die Sunday Times. Die Auswerter können dann auf einen Blick feststellen, ob sich die individuellen Kontrollmaßnahmen gelohnt haben oder nicht.

Schlichter ging es noch im größten französischen Abhörskandal der letzten Jahre zu: André Escaro, Zeichner des Satire-Magazins Le Canard Enchainé, sah im Dezember 1973 in den leeren Redaktionsräumen Licht nach Feierabend. Zu seiner Überraschung entdeckte der Künstler „Installateure“, die – wie sich bald herausstellte – am Kamin einen Minispion anbringen wollten. Sie hatten bereits Leitungen verlegt und einen Minisender auf dem Dach installiert. Zwar entkamen die heimlichen Hochfrequenztechniker, doch bald stellte sich heraus, daß es sich um Angehörige der (dem Verteidigungsminister unterstellten) Spionageabwehr DST handelte.

Die Regierung tat alles, um die peinliche Abhöraffäre unter dem Mantel des Militärgeheimnisses zu verdecken. Im-Januar dieses Jahres wurde schließlich das letzte Verfahren in Sachen Canard abgewiesen. „Seitdem“, schreibt der ZEIT-Korrespondent in Paris, Klaus Peter Schmid, „weiß jeder Franzose, daß es absolut statthaft ist, in einer Zeitungsredaktion Wanzen jeden Kalibers anzubringen.“

Nicht anders in Amerika: Seitdem sich Richard Nixon und seine Paladine in den Tonbandspulen von Watergate verheddert haben, ist das Tor zur Terra incognita von CIA und FBI geöffnet. Was die amerikanischen Sicherheitsdienste aufs Tonband bannten, reichte nicht nur zur Verurteilung von hohen Politikern, schmutzigen Mafiosi, Drogendealern und untreuen Bankiers, sondern auch zur Unterhaltung des Establishments.

Historisch ist schon der Fall des belauschten Martin Luther King jr. Einige Jahre lang hatte der Held der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA einen Assistenten beschäftigt, der beim FBI-Chef Edgar Hoover im (falschen) Verdacht stand, Kommunist zu sein. In seinem wütenden Feldzug gegen Kings Berater – und schließlich gegen King selbst – ließ der Radikalkonservative Hoover Tonproben vom zweifellos ausgedehnten Liebesleben des verheirateten Baptistenpredigers King auf Band aufnehmen.

Die erotischen Seancen wurden auch Präsident Lyndon B. Johnson vorgespielt, und der Politiker, so ein Augen- und Ohrenzeuge, fand „das Quietschen der Matratzenfedern lustig“.

Fast zwei Jahrzehnte später sind die Wanzen- und Minispion-Operationen des modernisierten FBI keineswegs über alle ethischen Zweifel erhaben; Prozesse gegen illegale Abhöraktionen haben das hehre Bild der G-Men auch im letzten Jahr getrübt. Selbst das jüngste, erfolgreiche Unterfangen des FBI (ein Sondertrupp des 20 000 Mann starken Polizeiamtes hatte acht Washingtoner Abgeordnete und Senatoren der Bestechlichkeit überführt), konnte die schadenfrohbestürzte Öffentlichkeit nicht nur erfreuen. Denn die Politiker wurden Opfer von agents provocateur, die sich als Araber verkleidet hatten – und die Korrumpierung ihrer ahnungslosen „Kunden“ heimlich aufnahmen, abhörten und schließlich der Presse vorführten.

Mit seinem 982-Millionen-Mark-Budget finanziert das FBI unter anderem ein hochmodernes Computerprogramm. Zehn tausende von Telephonaten wurden im letzten Jahr in den USA amtlich aufgezeichnet. Doch wo bleiben die Protokolle, wo die Personaldaten? Das amerikanische Magazin Time: „Zu den undurchsichtigen Problemen des FBI zählen die ständig wachsenden Computerdaten über Bürger des Landes.“ Ob sie in den Amtsarchiven sicher sind, steht dahin; denn, so Jim Hougan, Autor des Bestsellers Spooks – die dienstbaren Geister der Macht (Rogner & Bernhard, 1979): „In den letzten Jahren sind buchstäblich Zehntausende von Agenten aus dem amerikanischen Bundesdienst ausgeschieden und in die privaten geheimdienstlichen Organisationen übergewechselt... Sie suchen ihr Land heim wie seinerzeit die Samurai das mittelalterliche Japan, die sich, aus Lehnsdiensten entlassen, zu einer Landplage entwickelten.“

Ihre Spezialität – hüben wie drüben – ist das angezapfte Telephon, der „verwanzte“ Konferenzraum. Wer hört mit? „Eine hundertprozentige Zugriffsicherheit“, jammert die Bundespost, „kann allerdings kein Telephonnetz der Welt bieten. Dies könnte kein Mensch bezahlen.“ Gleichwohl warnt die Behörde vor „Abhörhysterie“. Einerseits. Andererseits versichert sie ihren Kunden, daß sie sowieso keine Chancen hatten: Die professionellen Lauscher, ob privat oder staatlich, beherrschen ihr Metier, weiß die Bundespost; sie würden sich nicht durch Knackgeräusche, Falschverbindungen, Auflaufen auf ein anderes Gespräch, Schwankungen der Lautstärke und Unterbrechungen verraten.

Experten schätzen, daß im vergangenen Jahrzehnt mindestens 20 000 Telephonwanzen und Minispione auf den deutschen Markt gelangt sind. Und nicht alle dieser kleinen elektronischen Wunder dienen „sexuellen Zwecken“, wie ein Kölner Verfassungsschützer vermutet.

Immerhin bietet Kurt Gscheidles Postministerium dem Publikum für 370 Mark (plus 100 Mark Installations- und erhöhte Grundgebühren) neuerdings ein „wanzenfestes“, verklebtes Telephongerät an („Sprechapparat mit erhöhter Zugriffsicherheit“), das zumindest Freizeit-Amateurlauschern das verbotene Handwerk legt. Fünf Jahre Gefängnis drohen dem Täter, der Kenntnisse mit einer illegal betriebenen Fernmeldeanlage – einem Minispionsender – erlangt.

Doch wer soll ihn fassen? „Bis vor kurzem“, so der freiberufliche Kölner Abwehrspezialist D. Cowling, „war es möglich, Abhörsender (im Gegensatz zu angezapften Telephonapparaten) durch akustisch“ Rückkopplung zu orten oder durch ein lautgestelltes Radio zu stören.“ Die neuere Technologie hat solche Barrieren längst überwunden. In seiner Broschüre „Minispion“ (Datakontext-Verlag) berichtet Cowling von der neuesten Lasertechnik: Einmal perfektioniert, erlaubt sie Lauschangriffe mit unsichtbaren gebündelten „Lichtstrahlen“. Cowling: „Für Abhörzwecke werden die Fensterscheiben des betreffenden Raumes von außen angestrahlt. Durch die Schallbewegungen der Scheiben, die wie Membranen wirken, ergeben sich winzige Wegunterschiede zwischen den ankommenden und den reflektierenden Wellen. Die Scheiben vibrieren um zehntel oder hundertstel Millimeter je nach Lautstärke und im Rhythmus der Sprachschwingungen. Das genügt bereits für eine ausnutzbare Modulation und damit zur technischen Wahrnehmung der Gespräche.“

Ein britischer Laser-Mikrophon-Hersteller führte auf einer Ausstellung mit dem sinnigen Titel „Sicherheit 78“ in Essen ein Gerät vor, das eine Entfernung von 1500 Metern überbrückt.

Alle Gesetzesinitiativen, die darauf zielten, den unheimlichen Lauschern das Handwerk zu legen – und zwar an der Quelle, beim Minispion-Produzenten –, scheiterten bislang schon im Bonner Ansatz. Einer der acht großen deutschen Experten auf diesem Gebiet, Umsatzmillionär Erwin Reichenberger, Geschäftsführer der „Micro Electronic GmbH & Co KG“, belieferte nach eigenem Bekunden mehr als 30 Regierungen: „Ich baue nur rein professionelle Sachen und verkaufe nicht an Müller, Meyer oder Schulze.“ Auch Hamburgs Polizei kaufte ein.

Ob Kugelschreiber-Mikrosender, elektronisch präparierte Feuerzeuge, Minitonbänder in der Zigarettenschachtel – Reichenberger, im ständigen Clinch mit der Staatsanwaltschaft, hatte alles. Die britischen Geheimdienste, so Donald Campbell vom New Statesman zur ZEIT, bedienten sich bei Reichenberger.

Vor fast zehn Jahren hatte Erwin Reichenberger ZEIT-Redakteur Thomas von Randow gestanden: „Meine Geräte gehen nach Griechenland, Südamerika und in die arabischen Länder. Auch die deutsche Kriminalpolizei interessiert sich sehr dafür, besonders die politischen Abteilungen, aber offiziell dürfen sie nicht bei mir kaufen. Was sie über Mittelsmänner beschaffen, weiß ich nicht.“

Seit 1976 allerdings ist der Mittdreißiger verschollen. „In Afrika“, glaubt sein Vater, Amtsrat Reichenberger. Doch die Dinge sind, wie die ZEIT erfährt, komplizierter. Gemäß den Recherchen des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden und von Interpol in Damaskus hat sich der Mikrotechnikef freiwillig in die mörderischen Kabalen des Nahost-Konflikts begeben. Am 6. März 1976 erteilte die syrische Botschaft in London Reichenberger das Einreisevisum Nr. 656; 24 Tage später, flog der Handelsreisende nach Damaskus. Im Hotel Semiramis, so beobachtete ein Zeuge, wurde Reichenberger ein größerer Geldbetrag übergeben: zweifellos Lohn für sein Know-how und seine elektrische Winzigware.

Der junge Mann deponierte das Geld in Genf und flog, ohne nach Hamburg zurückzukehren, über London wieder nach Damaskus zurück. Am 3. April dann verließ er im Taxi das Hotel Semiramis in Begleitung einer Frau und fuhr Richtung Beim – in die vom Bürgerkrieg heimgesuchte Hauptstadt des Libanon. Dort verlieren sich seine Spuren. Erwin Reichenberger – untergetaucht, ermordet oder verschleppt? Nach obligatorischen Bemühungen schloß die Hamburger Staatsanwaltschaft schließlich ihre Akten. Der Mann war verschwunden.

Doch im August 1978 tauchte in Deutschland ein „V-Mann“ arabischer Herkunft auf, der den Vermißten gesehen haben will: in einem Gefängnis von Bagdad.

Seitdem existiert in Hamburg eine mehrere hundert Seiten dicke Ermittlungsakte 10 70 UJS 1/80: Wo ist Reichenberger? Wer waren seine Kunden? Was hat er gewußt? Und vor allem – was hat er gehört? Der Vater des Verschollenen aber wundert sich, warum die Behörden sich nicht schneller rühren: „Die tun einfach nichts.“ In seiner Verzweiflung will sich der Amtsrat an die BILD-Zeitung wenden – jenes Blatt, dessen Kölner Redakteure rein zufällig eine Zeitlang in der Lage waren, die Telephongespräche ihres Intimfeindes Günter Wallraff mitzuhören.

Aber das ist eine andere Geschichte. •