Als sie ihr erstes Atelier gründete, gab sie ihrem Namen einen neuen Faltenwurf: Sie drapierte Dora Kallmus zur Madame d’Ora. Vielleicht hat das, wie sie hoffte, an ihrem Erfolg mitgewirkt; begründet jedoch hat sie ihn allein durch ihre photographische Kunst. Sie war, wie Cocteau fand, berühmt, aber nicht bekannt. „Madame d’Ora, beflügelt von den Schwingen des Genies“, schrieb er 1958, „bewegt sich in einem Labyrinth, dessen Minotaurus von den Dolly Sisters begleitet wird bis in das schreckliche Bestiarium der Schlachthäuser hinein, in denen diese Frau ohne Alter, kühner als irgendein junger Mann, die Schlächter mit einer Geste beiseite schiebt, um an deren Stelle ihren Apparat zu installieren, unmittelbar vor den täglichen Opfern unseres kannibalischen Kultes.“

Das etwa ist der Rahmen ihrer Arbeit: Sie hat viele berühmte und teure Zeitgenossen von Bühne und Schlachtfeld, aus Ateliers, Salons und Bürgerstuben porträtiert, aber sie hat auch die getöteten, enthäuteten, zerlegten Tiere aufgenommen, die wir essen, und dem bitteren Alltag von Flüchtlingen eine zugleich künstlerische, dadurch überraschende, unerwartet realistische, sehr eindrucksvolle Gestalt gegeben. Eine große Auswahl ihrer siebenhundert Bilder, die zur riesigen, über 42 000 Objekte zählenden, hervorragend gepflegten Sammlung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe gehören, der größten in Europa, sind jetzt dort ausgestellt – zusammen mit Bildern zweier Photographen, die wie sie berühmt, aber so gut wie unbekannt waren: Bilder ihres großartigen Lehrmeisters Nicola Perscheid, bei dem sie 1907 ein halbes Jahr volontiert hat, und von Arthur Benda, der Perscheids Lehrling in Leipzig war und mit dem sich Madame d’Ora zuerst in Wien, dann in Paris zusammengetan hatte.

Perscheid war einer der ersten Photographen gewesen, die mit den Worten Fritz Kempes (der die reiche Hamburger Sammlung ehrenamtlich betreut und nach und nach in Ausstellungen und Katalogen vor Augen führen wird) „einer von Ateliergerümpel und Retusche bereinigten wirklichkeitsnahen Photographie“ anhingen.

Es gibt in dieser Ausstellung sehr viele faszinierende Bilder, vor allem Porträts, die ihren eigenartigen Reiz nicht zuletzt durch das Geschick bekommen, den „einzigen“, in langen Sitzungen herausgeforderten, gewissermaßen herbeigearbeiteten Augenblick der Momentaufnahme zu erhaschen. Und es ist wohl meistens die geduldige Regiearbeit, die den Porträtierten eine so überraschende Gelassenheit und ihren Porträts nicht selten ihren eigenartigen Witz geben, eine offenbar durch Haltung ermunterte Natürlichkeit. Viele Bilder dieser drei Photographen gibt der überaus wohlfeile Katalog wieder. Er ist zugleich der erste (von Fritz Kempe verfaßte, von Odette M. Appel-Heyne bearbeitete) Band der neuen Reihe „Dokumente der Photographie“. (Museum für Kunst und Gewerbe bis 1. Juni, Katalog 18 DM) Manfred Sack