Außenpolitik zur Demokratisierung

Von Hans Kirchmann

Seoul, im April

Das Hotel Lotte ist Seouls letzter Schrei an Eleganz und Warenangebot. Dicker Marmor, künstliche Wasserfälle und Kellnerinnen in teuersten Nationalroben machen den Gast beklommen angesichts einer so vornehmen Umgebung. Die Restaurants bieten alles – von chinesischen Bärenpfoten bis zu Schweizer Weißwurst. Das Hotel Lotte hat ein Koreaner gebaut, der in Japan mit der Herstellung von Limonaden und Kaugummi begann. Die Übernachtung, mit Bad und Farbfernseher, kostet 40 amerikanische Dollar. Die Landeswährung Won darf von Ausländern nicht importiert werden, Geld muß in Seoul getauscht werden, und der Dollar ist am beliebtesten.

Neben dem Hotel ist inzwischen auch das Kaufhaus Lotte entstanden. Die koreanische Jugend flaniert hier am Wochenende, zwischen Cafeterias und gräßlich grün und rosa gefärbten Wasserspielen, die an Florida erinnern. Rund um das Lotte-Viertel aber strecken sich die kleinen Häuser mit ihren geschwungenen Dächern, ein paar barbarisch rohe Betonhochhäuser, kleine Läden angefüllt mit Plastik-Kultur, Straßenstände mit gebratenem Oktopus – und immer wieder Baustellen.

Die jungen Leute beherrschen das Bild dieser Stadt, die mit neun Millionen aus allen Nähten platzt. Sie schreien, lachen, stoßen sich über die engen Gehsteige. Es ist das erste warme Wetter in Seoul, nach dem üblichen strengen Winter mit Frosteinbrüchen von bisweilen mehr als 40 Grad minus. Die Zukunft ist nicht mehr grau und ungewiß, viele reden begeistert von der Demokratie, die bald kommen soll.

Ist die Freiheit vielleicht wirklich kein leerer Wahn, so geht es Südkoreas Wirtschaft noch dreckig. Für dieses Jahr sind 30 Prozent Inflation prophezeit. Der Won ist von der Regierung abgewertet worden, um wieder Kapital ins Land zu locken, abgewertet gleich um 19,8 Prozent. Die Konkurrenz durch Taiwan, Hongkong und Singapur nimmt stetig zu. Die Restriktionspolitik der Abnehmerländer macht sich bemerkbar, etwa beim Export von Fernsehgeräten in die USA. Südkorea hat an der Energiekrise besonders zu tragen. Ein Liter Benzin kostet jetzt über zwei Mark.