Auf dem langen Weg nach Eutin in der Holsteinischen Schweiz, kehren Biermann-Verse ins Gedächtnis zurück, die die Kleinstadt einige Wochen lang beschäftigten: „Wir wolln es nicht verschweigen / in dieser Schweigezeit / Das Grün bricht aus den Zweigen / Wir wolln es allen zeigen / Dann wissen sie Bescheid.“

Pastor Lutz Tamchina hatte Wolf Biermanns „Ermutigung“ im Eutiner Konfirmandenunterricht durchgenommen. Der Protest einiger Konfirmandeneltern dagegen, daß ein Biermann-Lied „vor den jungen Menschen in unerträglichem Maße hoffähig gemacht“ wird, schwappte bis nach Kiel: Der christdemokratische Landesvater schrieb einen geharnischten Brief an die Kirchenleitung.

Bemerkenswert ist die Begründung gegen das Singen der „Ermutigung“: „Der Hinweis, daß das mehrfach gemeinsam gesungene Lied „Ermutigung‘ keine aggressiven politischen Aussagen enthalte, ist fadenscheinig. Biermann, der sonst keine Gelegenheit ausläßt, seine politische Überzeugung mitzuteilen, wird dadurch nur noch gefährlicher.“

Ostermorgen: Pastor Tamchina beginnt mit der Liturgie. Gleich das zweite Lied, das die Gemeinde singt, hat einen rechtskräftig zum Tod verurteilten „Terroristen“ zum (Mit-)Autor: „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr“ stammt aus der „Deutschen Messe“, die Thomas Müntzer, der renitente Theologe und Anführer im Bauernkrieg, 1523 in Allstedt einführte.

Von heißen Eisen ist am Ostermorgen in der Stadtkirche zu Eutin nicht die Rede. „Ich hatte nicht den Eindruck“, sagt Pastor Tamchina im Gespräch nach dem Gottesdienst, „daß hier in Eutin über den Inhalt dieses besonderen Biermann-Liedes gestritten wurde, sondern es ging dann mehr um den Verfasser, einen Kommunisten und – wie von einigen gesagt wurde – erklärten Atheisten. Und es ging darum, daß ich mit solchen Liedern in keinem Fall arbeiten sollte.“

Aber nicht nur in der Provinz sind die politischen Gemüter im Wahljahr empfindlich. Das mußte Wolf Biermann jetzt auch erfahren, als er zusammen mit dem Zeichner Loriot, dem Kabarettisten Sigi Zimmerschied und den „Drei Tornados“ aus Berlin den „Deutschen Kleinkunstpreis“ in Mainz verliehen bekam. In der Fernsehsendung des ZDF von der Preisverleihung fehlte die einzige neuere Arbeit, die Biermann da im Mainzer Unterhaus im Programm gehabt hatte – ein kleines „Wanderlied“. In diesem Kleinkunststück fragt ein imaginärer Passant einen näher nicht beschriebenen Wanderer: „Heil Hitler! Teurer Wandersfreund, / wie geht’s mit Ihren Füßen? / Ich soll Sie von Filbinger / mit deutschem. Gruße grüßen. / Er wäre gern mit von der Partie / von einem Ort zum andern. / Er würde gern, wie Sie, / den Rest des Deutschen Reichs durchwandern Die ZDF-Verantwortlichen machten im Wandersmann Bundespräsident Carstens aus und ließen schneiden.

Über die Gründe mutmaßte Biermann in WDR-Hörfunksendung „Musik aktuell“ am 12. März. Bevor der Liedermacher aber zur Gitarre greifen und das „Wanderlied“ vorführen konnte, wurde die Sendung durch eine Erklärung unterbrochen, in der sich die WDR-Verantwortlichen distanzierten: „Wir glauben, daß man den Bundespräsidenten Carstens, dessen Verhalten seit 1945 seine positive Einstellung zur Demokratie bewiesen hat, nicht in solcher Weise herabsetzen sollte. Indem wir das Lied senden, möchten wir deutlich machen, mit welchen Absichten und Methoden der Liedermacher Wolf Biermann politisch einzugreifen sucht und wie er eine gut gemachte Musik für seine politische Agitation benutzt.“