Lebenslänglich für einen Unschuldigen: Wie der Rechtsstaat von seinen Dienern ad absurdum geführt wird

Von Hans Schueler

Einer der wesentlichsten Einwände gegen die Todesstrafe ist, daß sie Fehlurteile irreparabel macht. Die Feststellung der Schuldlosigkeit eines irrtümlich zum Tode Verurteilten braucht in aller Regel mehr Zeit als dem Delinquenten bis zum Treffen mit dem Henker bleibt. Doch läßt sich dieser Einwand zumindest relativieren: Wieviel besser als dem Todeskandidaten geht es einem zu lebenslanger Freiheitsstrafe Verurteilten, wenn er gewärtigen muß, sein Recht ebenfalls nicht mehr im Diesseits zu erlangen, weil zuvor die Lebensfrist hinter Gittern abgelaufen sein wird? Sein einziger Vorteil besteht darin, daß man ihn nicht mit Gewalt, sondern durch Geduld vom Leben zum Tode bringt. Und Geduld hat die Justiz mit keinem soviel wie mit ihren eigenen Fehlern.

Der 72 Jahre alte Rentner Karl-Heinz Bigell muß damit rechnen, an dieser Geduld, in Unfreiheit zu sterben. Er ist schwerkrank und sitzt als Lebenslänglicher im Haus III auf Station C 3 der Strafvollzugsanstalt Berlin-Tegel. Er sitzt – Untersuchungshaft eingerechnet – allerdings erst seit achteinhalb Jahren. Bei seinem Alter ist er damit ein Ausnahmefall unter den Schwerkriminellen. Wer bekommt schon auf seine alten Tage lebenslänglich, wenn nicht wegen einer Tat, die lange zurückliegt und erst spät entdeckt wurde?

So ist es. Karl-Heinz Bigell gilt als spätentdeckter NS-Mörder. Das Schwurgericht beim Landgericht Berlin verurteilte ihn am 4. Juni 1973 wegen gemeinschaftlichen Mordes „an einem nicht mehr genau feststellbaren Tag im April oder Mai 1943“ zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Es war ein grauenvoller Mord, und es gibt keinen Zweifel, daß er geschehen ist: Im Zwangsarbeitslager Plaszow, einem Vorort von Krakau, hetzte der Lagerkommandant seine beiden Hunde auf den jüdischen Häftling Olmer. Einer der Hunde war auf den Biß in die Genitalien, der andere auf den Biß in die Kehle von Menschen abgerichtet. Die Tiere, eine Dogge und ein Schäferhund, zerfleischten den Häftling. Als das Opfer sterbend auf der Lagerstraße lag, wurde es durch einen Pistolenschuß in den Kopf erlöst.

Der Lagerkommandant, SS-Sturmführer Amon Göth, war ein Sadist. Er liebte es, Menschen eigenhändig zu quälen und zu töten. Göth hat im Zwangsarbeitslager Plaszow, das sich später zu einem regelrechten KZ auswuchs, viele Menschen geschunden und umgebracht. Seine größte mörderische Aktivität entwickelte er bei der Liquidierung des Krakauer Gettos, dessen Bewohner in das Lager nach Plaszow gebracht wurden. Die Liquidierung begann am 13. März 1943; sie war begleitet von ungezählten Mordtaten an den Ausgetriebenen unterwegs und bei der Ankunft im Lager; sie dauerte nur wenige Tage.

Das Datum des 13. März 1943 ist in unserem Zusammenhang wichtig; wir sollten es schon an dieser Stelle im Kopf behalten. Der SS-Sturmführer Amon Göth fiel nach Kriegsende den Polen in die Hände. Sie stellten ihn in Krakau vor Gericht und verurteilten ihn wegen seiner Verbrechen im September 1946 zum Tode. Bald danach wurde Amon Göth in Krakau gehenkt.