Von Dietrich Strothmann

Camp David, der Start der amerikanischen Friedenspolitik für den Nahen Osten im Jahre 1978, bereitete Jimmy Carter schon manche Beschwer. Noch größere Mühe kostete ihn vor nunmehr einem Jahr dann die Pendeldiplomatie zur Einleitung des israelisch-ägyptischen Friedensvertrages. Und jetzt, bei seinem letzten Versuch, zu retten, was zu retten ist, lockt ihn kaum das Glück.

Der „Friedenspräsident“ Carter steht auf der Kippe. Doch beileibe nicht er allein. Erfolg braucht der ägyptische Präsident Sadat, der seit Wochenbeginn in Washington verhandelt, ebenso wie der israelische Regierungschef Begin, der ihm acht Tage später folgen wird – aus unterschiedlichen Gründen freilich. Alle drei haben sich in der leidigen Autonomiefrage festgebissen:

  • Carter hat daran sein gesamtes Friedenskonzept gehängt, in das gleichberechtigt mit den Israelis und Ägyptern die Palästinenser wie die Jordanier gehören; von den Syrern, die zur Zeit wieder einmal mehr mit sich selber beschäftigt sind, ist nichts zu erwarten;
  • Sadat will endlich den bösen Vorwurf des antiarabischen Verrats loswerden, indem er den Palästinensern in Westjordanien und Gaza – nicht zu vergessen: auch in Ostjerusalem – Selbstverwaltung und Selbstbestimmung erstreitet; dies wäre dann, nach einer fünfjährigen Laufzeit, die Vorstufe für einen eigenen Palästinenserstaat;
  • Begin schließlich will genau dies verhindern und von seiner Groß-Israel-Vision soviel wie möglich retten; darum gab er schnell noch die Bahn für Juden frei, sich in Hebron und Jericho anzusiedeln.

Der jüngste Anschlag palästinensischer Terroristen gegen den Kibbuz Misgav Am an der libanesischen Grenze gibt dem Sicherheitsfanatiker Begin sogar recht: Was erst, so lautet die düstere Vision, wird mit israelischen Städten wie Haifa oder Tel Aviv geschehen, stehen Arafats schwerbewaffnete Soldaten auf den Bergkämmen von Judäa und Samaria?

Es könnte freilich auch die genau entgegengesetzte These Anspruch auf Realität beanspruchen, wie sie von gemäßigten israelischen Sprechern und aufgeschlossenen westlichen Politikern vertreten wird: Erst eine Teil-, dann eine Vollautonomie, die eines fernen Tages in ein eigenes Staatswesen einmündet, stärkte die friedlichen Kräfte im verworrenen palästinensischen Lager, domestizierte auch Jassir Arafat, hielte den Israelis am Ende die Mordbanden vom Halse. Jedenfalls sind der österreichische Bundeskanzler Kreisky, der die Palästinensische Befreiungsfront offiziell anerkannt, und der britische Außenminister Carrington, der sie zum „wichtigsten Faktor“ für einen Nahost-Frieden erhoben hat, dieser Meinung. Sie wird auch der Tenor einer neuen Resolution der Europäischen Gemeinschaft sein, die für den Fall eines Scheiterns der Washingtoner Gipfelrunde verabschiedet werden soll.

Aber muß sie denn scheitern? Sadat gäbe sich, auch aus eigenem Interesse, damit zufrieden, wenn das Autonomiemodell im Gazastreifen ausprobiert wird; da er diesen alten Kompromißvorschlag mit der Jerusalem-Frage verknüpft, wird dem israelischen Partner die Ablehnung erleichtert. Begin könnte sich, wie schon einmal nach Camp David, mit dem befristeten Einfrieren seiner Siedlungsaktivitäten einverstanden erklären, damit Carter einen Prestigegewinn erzielte; oder der israelische Premier selber gewönne Zeit zu neuen Verhandlungen. Anders als der amerikanische und der ägyptische Präsident braucht er keine innenpolitischen Rücksichten zu nehmen.