In der Iran-Affäre müssen die Europäer nun Farbe bekennen

Von Theo Sommer

Einen Augenblick lang leuchtete im Teheraner Geiseldrama ein Hoffnungsschimmer auf: Die fünfzig Gefangenen, so schien es vor Ostern, würden den radikalen Botschaftsbesetzern entwunden und in die Obhut der iranischen Regierung übernommen werden. Dies hätte zwar noch keineswegs die Freilassung der amerikanischen Diplomaten und die Beendigung des Konfliktes bedeutet, der seit dem 4. November zwischen dem revolutionären Iran und den Vereinigten Staaten schwelt, doch wäre dadurch immerhin eine Lage geschaffen worden, in der Teheran und Washington mit Aussicht auf Erfolg über die Beilegung ihres Streits hätten verhandeln können.

Das österliche Wunder ist ausgeblieben. Nun droht Eskalation. Jimmy Carter, der sich fünf Monate lang umsichtig und besonnen verhalten hat, muß nun eine schärfere Gangart einschlagen, wenn er im Wahlkampf gegen Ronald Reagan nicht unter die Räder kommen will. Irans Präsident Bani-Sadr aber, der zielstrebig auf eine diplomatische Lösung hinzusteuern versuchte, ist von den islamischen Ultras desavouiert worden.

Das Schimme daran ist, daß damit die Chance einer vernünftigen Lösung der Geiselaffäre überhaupt schwindet. Es wird nun sichtbar, daß der Ajatollah Chomeini eine Beilegung der Krise gar nicht will und wahrscheinlich nie gewollt hat. In seinen Augen ist Carter der „große Satan“, von dem die Menschheit befreit werden muß, Amerika der teuflische Gegner, den es zu demütigen gilt. Jeden Versuch zum Ausgleich, welchen Preis Washington auch dafür erlegt, betrachtet der Greis in Ghom als Rückfall in die Pahlevi-Zeit, als Bündnis mit dem Satan. Wie tief sich der Baptistenprediger Carter auch demütigt, der Imam Chomeini wird dafür nur ein Hohnlachen haben.

Der Ajatollah hat sich abermals auf die Seite der Botschaftsbesetzer geschlagen: Die Geiseln und die US-Botschaft sollen bis zum Zusammentritt der Nationalversammlung „in den Händen der möslemischen und militanten Studenten bleiben“; danach soll das Parlament über das Schicksal der Gefangenen entscheiden. Freilich ist die Wahlprozedur nach dem ersten Urnengang zunächst ins Stocken geraten. Vielfältige Unregelmäßigkeiten müssen untersucht werden, ehe die Stichwahl stattfinden kann. Danach muß sich das Parlament erst einmal konstituieren. Darüber mag es leicht Juni oder Juli oder gar noch später werden. Im übrigen werden Chomeinis militanteste Gefolgsleute, die Abgeordneten der Islamisch-Republikanischen Partei, in der Nationalversammlung die Mehrheit haben. Wer dürfte annehmen, daß sie gegen den Willen des Faghi handelten, des Führers der Revolution? Wer unterstellen, daß ihre Zeitung nicht seine Ansichten wiedergab, als sie schrieb: „Wir müssen die Geiseln in unserer Gewalt belassen, um die Krise auf dem Siedepunkt zu halten.“

Da mag Bani-Sadr innerlich noch so wider den Stachel locken. Er mag sogar nach außen Kritik an den Botschaftsbesetzern kundtun – wie in seinem Interview mit Le Monde, worin er die Aktion der Studenten „aus moralischen, humanitären und politischen Gründen“ mißbilligte: „Den Imperialismus bekämpft man, indem man die Fesseln der Abhängigkeit sprengt, nicht mit dem Festhalten von Geiseln.“ Obendrein ist seine Sorge nicht unberechtigt: „Unser Verhalten darf nicht den kriegerischen Geist wiederbeleben, der die Amerikaner während des Vietnamkrieges beseelt hat.“ Doch weiß Bani-Sadr, daß er nicht viel ausrichten kann: „Die Vollmachten, die mir die Verfassung überträgt, sind begrenzt.“ Er hofft auf das Volk, das begreife, daß die Geiselaffäre eine Nebensache sei, ja der iranischen Revolution schade; er baut auch auf die Vernunft des Parlaments, vorausgesetzt, „daß der intellektuelle Terrorismus aufhört, der die Leute daran hindert, offen zuzugeben, daß der Kaiser keine Kleider trägt“. Es ist zu bezweifeln, daß Bani-Sadr mit solcher Eigenwilligkeit in dem Machtkampf lange überleben kann, der jetzt in Teheran ausgebrochen ist.