Von Karl-Heinz Wocker

London, im April

Wenn die Osterpause der britischen Politik endet, hat die Regierung Thatcher ihr erstes Jahr hinter sich. In dieser Zeit wird die Premierministerin alle Wortspiele kennengelernt haben, die sich aus dem Vergleich mit der „Eisernen Lady“ gewinnen lassen. Als gelernte Chemikerin weiß sie alles über das einschlägige Metall, zum Beispiel, daß es als Reduktionsmittel dient, passend für eine Politik drastischer Sparmaßnahmen, die zu sinkendem Lebensstandard führen. Eisen ist ein Übergangsmetall, und Frau Thatcher möchte ja das Land aus einem Sozialstaat in ein Selbsthilfe-Unternehmen verwandeln. „Gediegenes Eisen ...“, sagt der Brockhaus schließlich, „entsteht meist durch einen natürlichen Hochofenprozeß‘.“ Mit dem Stahlstreik im Rücken – wie gediegen ist das Eisen nun, aus dem die Lady gemacht sein soll?

Es war ein Jahr des Auf und Ab. Faule Eier flogen an ihre Wagenfenster, auch enthusiastische Mengen drängten herbei. Als der Methodisten-Reverend Brian Cooke in Dudley in seine Neujahrspredigt die Bitte um das Wohlwollen des Allerhöchsten für Frau Thatcher einflocht, standen zwei weibliche Gemeindemitglieder auf und bestritten den Rest des Gottesdienstes mit Protesten. 120 Abgeordnete in den eigenen Reihen rebellierten gegen Frau Thatcher während einer Rhodesien-Abstimmung. Dennoch ist die Stellung der Premierministerin in der Partei ungeachtet mancher Nörgelei unbestritten. Und welchen ihrer Führer hätten die Tories jemals einhellig geliebt?

Hua pries Frau Thatcher bei seinem Englandbesuch als zweiten Churchill, weil sie die neuen Nazis – die in Moskau – in Schach zu halten suche; sie dankte gequält für den Vergleich. Von der Prawda wurde sie beschimpft, weil sie Churchills alte antikommunistische Hosen trage; sie lachte, ohne zu danken. Als Lord Carrington verkleidet nahm sie Lobsprüche für eine Rhodesien-Lösung entgegen, die sie selber beinahe durch eine unbedachte Rede im fernen Australien ruiniert hätte. In der Rolle Sam Silkins, des Labour-Ministers, den seine EG-Kollegen herzlich gern abtreten sahen, kehrte sie auf die Europabühne zurück und stampfte in Dublin heftig mit dem Fuße auf. Seither will sie es nicht mehr ganz so stark getan haben, wie es damals klang.

Zu Neujahr verglich die Lady die Nation mit einer Familie, ohne zu ahnen, wie rasch ihre eigene als Vorbild in Frage gestellt werden würde. Sohn Mark sorgte für den bisher einzigen privaten Skandal: Nachdem er von der britischen Präservativ-Herstellerfirma „Durex“ abgewimmelt worden war, suchte er einen Mäzen für seine Rennsportkosten – Gegenleistung: Mark Thatcher wirbt für – zunächst in der japanischen Textilfirma Kanebo (10 000 Pfund) und dann beim Londoner Nacktrevue- und Girlmagazin-König Paul Raymond (25 000 Pfund). Mama schritt fürchterlich ein. So sehr die Premierministerin ansonsten für das „Ausschütteln“ überschüssiger Arbeitskräfte eintritt und keine Zeichen von Mitgefühl mit den Betroffenen zeigt – hier nahm sie Rücksicht. 15 000 Beschäftigte hat die konkurrenzgebeutelte britische Textilindustrie in wenigen Monaten verloren, 8500 weitere finden nur Kurzarbeit. Da hatte eine Mark-Thatcher-Reklame ausgerechnet für die Japaner in einem Land zu unterbleiben, das den Film von der Brücke über den Kwai unter die nationalen Helden-Epen rechnet. Hinter sich hat Frau Thatcher jeden denkbaren Vergleich mit prominenten Frauen anderer Breiten und Zeiten. Indira Gandhi und Evita Peron werden bemüht; da sei sie, sagen ihre Gegner, die dritte im Bunde der Verächterinnen wahrer Demokratie. Ihr Regierungsstil ist mit dem von Königin Elizabeth I. verglichen worden; Gunst habe damals wie heute nur für ein paar Tage gegolten. Selbst ihren Finanzminister habe sie in Gegenwart einiger seiner Beamten angefaucht, das Maul zu halten (und „shut up“ ist zu ruppig für die Lesart, Sir Geoffrey Howe habe „den Mund halten“ sollen). Als Arbeitsminister James Prior, der Norbert Blüm dieses Kabinetts, den Gewerkschaften ein paar unschmackhafte Paragraphen der neuen „Reform-Gesetze“ mundgerechter servieren wollte, desavouierte ihn die Chefin im Fernsehen mit der Bemerkung, man werfe doch nicht jeden Kerl, der mal einen Fehler mache, gleich hinaus. Im Kabinettssaal von Downing Street geht es seit einem Jahr adrett bis eisig zu. Da Margaret Thatcher schnell begreift und das Format einiger ihrer Minister durchaus zutreffend als zweitklassig einschätzt, spielt sie im Regierungsteam nicht, wie Attlee den Schiedsrichter, oder wie Wilson den Tormann, sondern sucht den modernen Libero mit dem Mittelstürmer alten Stils zu kombinieren.

Wären nicht parteiinterne Rücksichten gewesen, sie hätte sich manchen anderen Mitarbeiter genommen. Dieses Manko ist angeblich korrigiert worden durch eine Schar von „Maggies Spionen“ in den verschiedensten Ressorts. Deren Leiter empfinden es als ungewohnt, um nicht zu sagen als peinlich, wenn die Premierministerin mitteilen läßt, außer dem Minister seien auch dessen engste Berater zum Vortrag bei ihr geladen. Auf diese Weise erfährt sie auch das, was der Minister allein vielleicht heruntergespielt hätte. Das ist nicht der Stil von Edward Heath, dem in einem Gespräch unter vier Augen schon zwei zuviel im Raum waren – die des anderen. Es ist auch nicht die Arbeitsmethode Harold Wilsons, der sich vor und nach jeder Kabinettssitzung mit seinem „inneren Kabinett“ zurückzog und dann den Rest der Riege wissen ließ, was allgemein beschlossen worden sei.