Anna Seghers ist mit ihrem Roman „Das siebte Kreuz“, der über den Terror der nationalsozialistischen Zeit handelt und den sie kurz vor dem Zweiten Weltkrieg schrieb, der eindeutige Beweis gelungen, daß es sich auch in der Zeit der totalen Unterdrückung lohnt, den Mut dazu zu haben, zur eigenen Meinung, zur eigenen Lebensideologie zu stehen, auch wenn ein solches Unterfangen eine große Gefahr für die eigene Person bedeutet; denn es ist immer noch besser, das eigene Leben für seine Überzeugung zu opfern, als sich hinter scheinheiligen Floskeln zu verstecken.

Genau diese Punkte hat die 1900 in Mainz geborene Autorin, die 1929 in die KPD eintrat und die 1933, als ihre Bücher in Deutschland verboten wurden, über Frankreich und Spanien nach Mexiko emigrierte, in ihrem Roman, der hauptsächlich die Flucht des Georg Heisler aus dem Lager Westhofen erzählt, aufgegriffen und mit Hilfe von charakteristischen Personen, Handlungsweisen und Gedanken aufgezeigt. Das gesamte Geschehen des Romans spielt auf drei verschiedenen Ebenen, die sich am Ende alle als eng miteinander verknüpft erweisen.

Die erste Ebene ist das Lager Westhofen, aus dem Georg Heisler mit sechs Mithäftlingen ausgebrochen ist und von denen ihm im Endeffekt als einzigem die Flucht gelingt. Mit der Existenz dieses Lagers hat die Autorin die Gelegenheit, die mächtigen Personen des Dritten Reiches zu beschreiben, die ihre Arbeit zwar einerseits aus Überzeugung ausführen, andererseits aber deshalb, weil sie an den wehrlosen Gegnern und Häftlingen ihre Kräfte, ihre Aggressionen ablassen können.

„Macht über Leben und Tod, weniger tut’s nicht. Ausgewachsene, starke Männer, die man vor sich hinstellen läßt, und man darf sie zerbrechen, rasch oder langsam, ihre aufrechten Körper werden vierbeinig, eben noch kühn und patzig, werden sie grau und sterben vor Todesangst.“ Genau dies sind die Gedanken des Lagerkommandanten von Westhofen, der nach der Flucht mit der Angst leben muß, daß ihm diese Macht genommen wird: „Die letzte Meldung, die Auffindung des Pullovers, erschien ihm die Antwort auf alle Gebete der Nacht, ihm in der Not beizustehen, die Gefangenen zurückzuführen, ihn nicht mit der furchtbarsten aller Strafen heimzusuchen – dem Entzug der Macht.“ Alle Menschen, die so denken, haben ihre menschlichen Züge abgelegt, sie zeigen ein Gesicht, das nur noch durch den furchtbaren Wunsch nach bloßer Gewalt geprägt ist. Dabei kommt bei vielen der Standpunkt zum Vorschein, daß sie nach dem alten Sprichwort handeln, „nach oben buckeln, nach unten treten“, um dann dadurch noch mehr Macht zu erlangen und noch mehr treten zu können.

Die zweite Ebene spielt in der Umgebung des Lagers Westhofen; immer wieder werden in diesem Roman Kapitel eingeschoben, in denen Leute, die dort wohnen, aber hauptsächlich die Familie Marnet mit Georgs ehemaligem Freund Franz und der Schäfer Ernst die Hauptrollen spielen.

Auch auf der zweiten Ebene greifen die Ereignisse stark in das Leben der Leute ein, die durch die Flucht in Konflikte geraten, bei denen es heißt, sich für oder gegen eine bestimmte Richtung einzusetzen. Daß gerade dieser Konflikt sehr schwerwiegend sein kann, wird an dem Beispiel des Gärtnerlehrlings Fritz deutlich, dem Georg Heisler auf seiner Flucht die neue Jacke gestohlen hat. In seiner ersten Wut meldet Fritz das Geschehen mit allen Einzelheiten sofort, doch dann gerät er in einen starken Gewissenskonflikt, ob es in einem solchen Fall nicht besser ist, dem Flüchtling durch eine Falschaussage zu helfen.

In der dritten Ebene wird der Hauptakzent in die Flucht des Georg Heisler selbst gesetzt.