Von Rudolf Herlt

Seit März dieses Jahres halten wir den Dollar bei Kursen bis 1,97 Mark für bemerkenswert fest. Wir sind sehr bescheiden geworden. Es gab Zeiten, da kostete er 4,20 Mark. Eigentlich müßten wir seine Schwäche beklagen. Aber es gab eben auch Zeiten, da kostete er nur 1,70 Mark. Daß er bald zwei Mark kosten wird, halten die meisten Beobachter jetzt durchaus für möglich.

Es ist noch kein Jahr her, da wurde hierzulande die Schwäche des Dollars laut beklagt. In edlem Wettstreit haben dann Zentralbank und Regierung in Washington dem Dollar einen Teil jener Stärke zurückgegeben, die ihn einst auszeichnete – Zentralbankchef Volcker mit Taten, Präsident Carter mit Ankündigungen. Volckers hohe Zinsen und Carters entschlossene Worte zusammen wirkten wie ein big lift, der Dollar wurde wieder schöner. Sein Kurs steigt und steigt.

Aber nun ist uns das auch wieder nicht recht. Es sieht so aus, als ob für uns Deutsche der schönste Platz nicht mehr an der Theke, sondern an der Klagemauer sei.

Doch das scheint nur so. Eine eindeutige Antwort auf die Frage, welchen Dollar wir uns eigentlich wünschen sollen, gibt es nämlich nicht. Zeitgenossen, denen wirtschaftliche Zusammenhänge ein Buch mit sieben Siegeln sind, bedauern das sicher. Verwöhnt durch die Naturwissenschaften, wünschen sie sich exakte Antworten. Doch im Sozialbereich laufen Prozesse nach anderen Gesetzen ab als in der Physik oder in der Chemie. Hier ist das Resultat am Ende der Prozesse vorhersehbar, dort nicht.

Die Stärke des Dollars hängt ebensowenig allein von der amerikanischen Wirtschaft ab wie etwa die Stärke des HSV in der Bundesliga von den Hamburgern allein. So wie der Tabellenstand der Hamburger Kicker auch vom Leistungsniveau aller anderen Bundesligaklubs mitbestimmt wird, so ist auch die internationale Stärke oder Schwäche des Dollars das Ergebnis von Kräften, auf die nicht nur die Amerikaner Einfluß haben. Wenn beispielsweise wegen der außerordentlich hohen Ölpreise aus der Bundesrepublik mehr Geld ins Ausland abfließt, als von dort hereinkommt, darin ändert sich der internationale Wert der Mark. Gemessen an ihr kann ein Dollar, der im Vergleich zur früheren Stärke der Mark schwach genannt werden müßte, schon stark erscheinen. Die Stärke des Dollars ist immer relativ. Man sieht sie dem Dollar allein nicht an. Sie offenbart sich erst im Vergleich mit anderen Währungen.

Ob wir uns lieber einen relativ starken oder einen relativ schwachen Dollar wünschen sollen, ist damit freilich noch nicht entschieden. Wäre es besser, wenn er wie 1960 noch 4,20 Mark kosten würde? Die deutschen Reeder und alle Unternehmer, die ihre Waren und Leistungen gegen Dollar verkaufen, würden begeistert zustimmen. Deutsche Importeure, die für eingeführte Waren mit Dollar bezahlen müssen – wie die Unternehmen, die Rohöl einführen – würden die Hände heben. Ihnen ist ein Dollar, der 1,70 Mark kostet, viel lieber.