Nach zwei Künstlertragödien, nach Goethes „Tasso“ und Braschs „Lieber Georg“, wendet sich das Bochumer Schauspiel dem Populärtheater zu: Adolf Dresen inszeniert „Die Fledermaus“, Alfred Kirchner die Uraufführung von Jürgen Lodemanns „Ahnsberch“

Von Benjamin Henrichs

Schauspieler singen. Zum Beispiel Martin Schwab, der fast gar nicht singen kann, das aber höchst eindrucksvoll: ein kleiner, schütterer Bariton, passend zu einem gramzerfurchten Gesicht. Oder Manfred Zapatka, der, wenn er laut wird, fast wie ein Heldentenor klingt; „metallisch“, würden die Kollegen Opernkritiker sagen, wird dann seine Stimme. Wenn er allerdings leise singen soll, singt er gar nicht mehr, dann strömt nur noch heiße Luft. Oder Bert Oberdörfer er und Cordula Gerburg: Sie würden, mit Stimmen, denen Wohlklang und Technik gegeben ist, als Buffo und Soubrette in-einem kleinstädtischen Operettenensemble sicherlich nicht übel auffallen.

Schauspieler singen. Das größte Stimmwunder ist Kirsten Dene: Von der zierlich-verliebten Koloratur bis zum drohenden Baß gebietet sie über alle Mittel des Operngesangs; sie ist Zerline und Zerbinetta, Tosca und Brünnhilde. Eine echte Primadonna – nur Puristen werden bemäkeln, daß ihr herrlicher Gesang eher schrill klingt als schön, mehr Blech ist als Belcanto.

Wenn Schauspieler singen, so wie jetzt am Bochumer Theater, ist das erst einmal ein Beweis ihrer Unerschrockenheit. Schon in Stuttgart kannte dies Bochumer Ensemble keine Furcht vor dem Musik-Theater; hätte furiose Liederabende gegeben, die „Blume von Hawaii“ aufgeführt und ein „Elvis Presley Memorial“. Der – „linke“ Peymann war immer auch der bunte Peymann. Und wenn es überhaupt eine Erklärung für den Triumphzug des neuen Bochumer Ensembles gibt, dann ist es eben seine Unerschrockenheit, seine Bereitschaft zum Risiko in jeder nur vorstellbaren Richtung. Das Wort Pluralismus, sonst eine Vokabel der Abwiegler, bekommt im Bochumer Theater seinen neuen (alten) Sinn – es meint nicht mehr Angst vor allem, sondern Neugier auf alles. Deshalb ist es nicht Willkür, sondern Spielplan-Logik, wenn auf zwei hochkomplizierte Künstlertragödien (Goethes „Tasso“ und Thomas Braschs „Lieber Georg) jetzt zwei Versuche mit dem Trivialtheater folgen: Ausflüge, in ein Genre, das es gar nicht mehr geben dürfte (die alte Operette), und in eines, das es trotz allen Behauptungen, trotz Honrath und Fleißer und Kroetz und erst recht trotz Brecht, noch immer nicht gibt – das deutsche Volksstück.

Das Bochumer Theater spielt eine Operette über das untergehende Bürgertum und ein Dialektdrama mit Gesangs über das auferstehende Proletariat. „Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist“, singen; die beschwipsten Bürger der „Fledermaus“. „Zack, zack, zack geh ran, jetzt kommt der Arbeitsmann!“ singen Lodemanns Proletarier in „Ahnsberch“.

Singen ist nicht der Beruf des Schauspielers. Wenn Schauspieler singen, dann sind sie nicht nur mutig, sondern meist auch überfordert. Wenn Bernd Birkhahn, der in der „Fledermaus“. einen immerzu brünstigen Tenor spielt, seine Geliebte ansingt, dann tut er’s mit fürchterlichem Tremolo: es zittern die Stimme, der Kopf, der Hals. Wenn er singt, sieht dieser ohnehin nicht mehr ganz, frische Mensch wie ein aufgeregter alter Truthahn aus. Man sieht und man hört bei seinen tenoralen Verführungsversuchen: Da überanstrengt sich einer, beim Singen und auchsonst.