Während der Fernsehdiskussion hielt der Physik-Nobelpreisträger Rudolf Mößbauer ein leidenschaftliches Plädoyer für mehr Freiheit in der Forschung

Noch wichtiger für die Forschung als finanzielle Mittel sind im Prinzip die Voraussetzungen, die Rahmenbedingungen und die Atmosphäre, in der geforscht wird. Natürlich kann auf Geld nicht verzichtet werden, aber Geld ist gar nicht unser Hauptproblem.

Zunächst ein paar Worte zur Entwicklung der Forschung in Deutschland. In den Jahren von 1933 bis 1945 war die Forschung außerordentlich stark behindert. Wir hatten in diesen schwierigen Jahren der Nazi-Zeit ungeheure Blut- und Emigrationsverluste; dann allerdings vollzog sich der schwierige Wiederaufbau in erstaunlich kurzer Zeit. Manche Schäden konnten relativ rasch repariert werden; in der Atomphysik etwa haben wir sehr schnell nach Kriegsende wieder anfangen können. Im großen und ganzen ist der Wiederaufbau erstaunlich schnell vorangegangen, und wir haben in den sechziger Jahren einen steilen Anstieg unserer Forschung erlebt, eine Entwicklung, die uns auf vielen Bereichen wieder an das internationale Niveau herangeführt hat.

Seit den siebziger Jahren haben wir allerdings einen nicht gerade steilen, aber doch graduellen Abstieg unserer Forschung zu verzeichnen. Die Gründe dafür liegen wohl in dem Übergang zur Massenuniversität und in den Studentenunruhen. Das ist aber keine Entwicklung, die nur für die Bundesrepublik typisch wäre; das hat es in anderen Ländern, etwa in Amerika, Frankreich und England, auch gegeben. Typisch deutsch ist allerdings der Weg, den wir zur Lösung dieser Situation gegangen sind, und zwar den Weg des Gesetzgebers.

Wir haben ständig Gesetze produziert, angefangen mit dem Hochschulrahmengesetz, dann folgten die Ländergesetze, dann Hochschullehrer-Gesetze. Das hat zu einer Situation an unseren Hochschulen geführt, unter der wir heute alle leiden, die Studenten wie die Professoren, unter der vor allem die Forschung weitgehend auf der Strecke geblieben ist. Wir haben heute eine Verschulung unserer Universitäten; das Schwergewicht ist ganz einseitig auf die Lehre verschoben. Es hat eine Nivellierung eingesetzt in fast allen Fächern; auch solche Disziplinen wurden über einen Kamm geschoren, bei denen das völlig unnötig war. Wir haben eine riesige Zahl von Verordnungen und Ausführungsbestimmungen, die zu einer Gleichschaltung aller Hochschulen und aller Fachgebiete geführt haben.

Durch die Gesetze sind künstliche Bürokratien entstanden, ein riesiges Kontroll-System, das darüber wacht, ob die einzelnen Wissenschaftler auch das tun, was verlangt wird. Wir haben heute weitgehend folgende Situation: Wir sitzen in zahlreichen Gremien beisammen und diskutieren über viele Probleme, aber nicht über die eigentlichen Anliegen der Hochschule, denn die sind uns längst aus der Hand genommen – die hat die Ministerialbürokratie an sich gezogen. Jede Einzelheit wird heute auf einem höheren Niveau entschieden. Wir diskutieren im wesentlichen in stundenlangen Debatten, wie wir mit diesen pausenlos auf uns hereinprasselnden Verordnungen fertig werden oder wie wir sie umgehen können.

Die Mitbestimmung ist insofern eine Farce geworden, als wir über nichts mehr oder fast nichts mehr zu bestimmen haben. Die wirklichen Entscheidungen fallen außerhalb der Hochschule in der Ministerialbürokratie, und da haben wir nicht das Geringste mitzubestimmen. Auf dieser Ebene ist eine Mitbestimmung überhaupt nicht eingeführt worden. Das hat insgesamt zu einer Degradierung der Universität geführt, und die Forschung wird praktisch nur noch toleriert, aber nicht ermutigt und gefördert. Der Staat wirkt im wesentlichen mit Juristen auf die Universität ein, das heißt mit Leuten, die zum Beispiel in naturwissenschaftlichen Disziplinen nicht die geringste Ahnung haben und von der Materie nicht das geringste verstehen.