Dem Ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts hat immer eine Frau angehört: Zunächst – seit 1951 – Erna Scheffler, die der traditionellen Frauenbewegung nahestand. Der Beginn eines Satzes mit „wir Frauen“ ging ihr glatt von den Lippen, die nachsichtig-ironische Reaktion der Männer kümmerte sie nicht. Zu ihrer Amtszeit war das Bundesverfassungsgericht nicht Bremse, sondern Motor weiblicher Emanzipation. Das war sicherlich nicht allein Erna Schefflers Verdienst, aber doch ihre Chance. Damals klopften Verfassungsrichter Regierung und Parlament wiederholt auf die Finger, weil die vom Grundgesetz geforderte rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau nicht in der von der Verfassung gesetzten Frist vollzogen worden war.

Nachfolgerin Erna Schefflers wurde 1963 Wiltraut Rupp-von Brünneck, eine brillante Verwaltungsjuristin, deren von ihren Kollegen abweichendes Urteil zur Abtreibungsentscheidung noch heute ein Musterbeispiel für die Synthese von weiblicher Vernunft und juristischer Logik ist. Nach ihrem Tod im Jahre 1977 wurde eine neue Frau gesucht. Gisela Niemeyer war damals Präsidentin des Finanzgerichts in Düsseldorf. Das Angebot, Verfassungsrichterin zu werden, hat sie überrascht, aber sie akzeptierte es sofort. Seit gut zwei Jahren ist sie nun im Amt und wird bis zu ihrer Pensionierung noch weitere acht Jahre dort bleiben. Die Alibi-Frau vom Dienst?

Durch die schußsicheren Panoramascheiben ihres Amtszimmers im Neubau des Bundesverfassungsgerichts blickt Frau Niemeyer auf die zur Zeit noch kahlen Bäume des Karlsruher Schloßparks. „Manchmal beneide ich die Frauen dort unten, die Zeit haben, stundenlang mit ihrem Hund spazierenzugehen“, sagt sie. Zeit hat sie selbst eigentlich nie gehabt. 1923 als Tochter eines Lehrers und einer Parlamentsstenographin geboren, machte sie im Kriegsjahr 1942 Abitur. Sie wollte Journalistin werden, aber dazu kam es nicht. Ein paar Monate Medizinstudium, dann Kriegseinsatz, Flucht, Nachkriegszeit. In Kiel bot sich 1948 die Möglichkeit, Jura zu studieren, sie griff sofort zu. Inzwischen war sie verheiratet und hatte ein Kind; ihr Mann, früher Berufsoffizier bei der Marine, studierte ebenfalls. Zehn Tage nach Abgabe der Examenshausarbeit bekam sie ihr zweites Kind; Klausuren und mündliche Prüfung bestand sie trotzdem fristgemäß. Das Ehepaar Niemeyer wohnte mit dem Baby in einer Mansarde, der ältere Sohn war bei einer Schwester untergebracht. „Das klingt heute ganz normal, damals lebten wir gegen den Strich“, sagt Frau Niemeyer. „Wegen des Babys hätten wir fast unser Zimmer verloren – kein Radio, kein Kind, das war Grundlage unseres Mietvertrags! Wenn mein Mann die Tochter spazierenfuhr, weil ich Klausuren schrieb oder fürs Examen paukte, fragten die Leute ihn, ob er denn Witwer sei.“ Das Familieneinkommen von 310 Mark im Monat besserte die Studentin Niemeyer mit Büroarbeiten auf, Steno und Schreibmaschine sind als eine Art mütterlichen Erbes noch heute geläufig.

Anfang der fünfziger Jahre zog Gisela Niemeyer mit Mann und Kindern nach Bonn zu ihrer Mutter. Das erleichterte die Kombination Berufsausbildung plus Familie mit Kleinkind. 1956 machte sie ihr Assessorexamen, arbeitete aber zwischendurch nochmals ein Jahr als „Kanzleikraft“, um die Familie über Wasser zu halten. 1957 fing sie als Assessorin bei der Finanzverwaltung am Sie wurde Sachgebietsleiterin beim Finanzamt Bonn, unterrichtete an einer Schule für Finanzbeamte und promovierte nebenbei über den „Gegenstand des Verfahrens bei der Anfechtung von Steuerbescheiden“ an der Universität Köln. Dann ging alles ziemlich schnell: 1966 wurde sie Richterin beim Finanzgericht Düsseldorf, 1971 Senatspräsidentin, 1972 als erste Frau Richterin am Bundesfinanzhof in München, 1975 kam sie als Präsidentin des Finanzgerichts nach Düsseldorf zurück.

„Wissen Sie, Steuerrecht, das kann ich“, sagt Gisela Niemeyer. Man glaubt ihr aufs Wort. Sie ist die Fachfrau par excellence. Wenn sie „wir“ sagt, meint sie meist weder die Richter am Bundesverfassungsgericht noch die Parteigenossen von der SPD (der sie angehört), noch ihre Familie, noch „die Frauen“ – sie meint die Kollegen bei Finanzbehörden und Finanzgerichten. Dort ist sie groß geworden, dort hat sie Karriere gemacht, „Expertin für Steuerrecht“ ist ihre geistige Identität. Jede Art von persönlicher Idealisierung ist ihr zuwider. Noch in den Gang hinein ruft sie mir nach: „Aber werden sie bloß nicht pathetisch!“

Die Top-Karriere mit der Familie in Einklang Zu bringen, kann nicht leicht gewesen sein. Meine Frage danach beantwortet die Verfassungsrichterin Niemeyer spontan mit ironischem Lächeln: „Meine Kinder habe ich immer vernachlässigt.“ Die freundlich sorgende Mutter, die mittags mit Buletten und Blumenkohl auf die Kinder wartet, ist sie nie gewesen. Wer aus der Schule kam, machte sich halt Haferflocken mit Honig oder Spiegeleier; gegen fünf kamen die Eltern dann nach Hause. „Die Abende und Wochenenden gehörten allerdings den Kindern“, sagt sie; gesellschaftliche Extratouren gab es bei Niemeyers nicht.