Von Barbara Lehnig

Einsam steht ein Schild in der Landschaft. Janosz, der die Pferde so geschickt durch den Pußtasand kutschiert, muß übersetzen: „Reiten, Fahren, Spazierengehen im Naturschutzgebiet streng verboten.“ Spricht’s und fährt im Galopp hinein in die Bugac-Pußta. Wer im Zeichen des geflügelten Rosses reist, kann getrost solche Gebotstafeln überfliegen: Die weite ungarische Tiefebene samt Nationalpark von Kiskunsag steht den devisenbringenden Reitern und Fahrern offen.

Das allein ist schon ein Erlebnis, um die Reitkappe in die Lüfte zu jubeln. Denn in Deutschland wird die Außenwelt der Reiter eng und enger. Ungeachtet – oder gerade wegen – der wachsenden Zahl von Pferden (im letzten Jahrzehnt hat sich der Bestand in der Bundesrepublik auf 380 000 verdoppelt) sind die Zeiten, da das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde und im unbeschwerten Ritt durch die Natur lag, vom Gesetzgeber beendet worden. Nordrhein-Westfalen gibt gerade wieder ein Beispiel, wie via Verordnung aus fröhlichen Freizeitreitern traurige Tattersallbenutzer werden. Mit Kenn-Nummer behängt traben sie als Ein-PS-Teilnehmer einher.

Domni in Ungarn ahnt davon nichts. Er merkt nur, daß die Gäste aus dem Westen so nervös in den Stall hineindrängen wie die Pferde hinaus. Nach den ersten zehn Kilometern, die Reiter und Kutschen durch den Morgennebel der Pußta gezogen sind, stimmt er angesichts eines verdrossen knatternden Kleinwagens das Klagelied vom wachsenden Verkehr an. Er meint es ernst, obwohl es für die 20-Kilometer-Tagestour das einzige Auto bleiben sollte. Selbst in den Dörfern, die in ihrer Ursprünglichkeit wie ein überdimensionales Bühnenbild wirken, ziehen die Pferdekarren ihre Spuren in den Sand der Hauptstraße.

Asphalt unter den Hufen gibt es nur vor der Mittagsrast mit dampfendem Kesselgulasch über offenem Feuer, spritzigem Sandwein, viel Paprika und einem unbeschreiblichen Geräusch, das zwei nahezu zahnlose Alte mit rotbäckiger Begeisterung produzieren. Erst; nach sehr viel Barack, dem als Nationalgetränk einzustufenden Aprikosenschnaps, läßt es sich als Musik ausmachen.

„Trink- und sattelfest“ sollte die Devise für diese Touren lauten. Und was die Kutschen betrifft, so verlangt das Reisen im Stil der Ururahnen auch eine positive Einstellung. Denn Geländewagen sind keine Ohrensessel. Und Pußtawind kann im Frühjahr und Herbst sehr kalt sein. Im Sommer sorgt er dann gern für die feinen Staubsandduschen.

Kutschen und Reiter trennen sich öfter. Als ferne Scherenschnitt-Silhouette zeichnen sie sich zwischen Ziehbrunnen ab, deren Stange als schwarze Diagonale in den endlosen Horizont stakt. Die hierzulande in Mode geratenen Ungarischen Hirtenhunde haben dort ein paradiesisches Hundeleben. Als tobende Wollknäuel stürzen sie auf die Pferdegruppen zu und verschrecken mit ihrem Gebell nicht die Rösser, sondern jene durchweg respektablen Säue, die fern von Zuchtzielen wie „fettarm“ und „eine Rippe länger“ ihr beleibtes Dasein ungeschmälert zu genießen scheinen. Ein wenig Federvieh, ein wenig Gemüse und Obst im eigenen Garten den Ungarn ist neben der Kolchosearbeit die Privatwirtschaft erlaubt. Nicht zuletzt mit diesem System ist das Land zum „goldenen Westen des Ostens“ geworden. Und so bleibt wenigstens ein Teil der Bilderbuchidylle von weißgekalkten Einsiedlergehöften mit den flachen, reetgedeckten Stallungen im Kreis des Lattenzaunes erhalten.