Der jetzt 85jährige Boris Souvarine – der Nachname ist ein Pseudonym, das aus Emile Zolas „Germinal“ stammt – hat zwischen 1930 und 1935 eine reich dokumentierte Stalin-Biographie verfaßt, die auf Grund der Neuauflage von 1977 ins Deutsche übersetzt worden ist:

Boris Souvarine: „Stalin. Anmerkungen zur Geschichte des Bolschewismus“; übersetzt von Theodor Fuchs, Bernard und Graefe Verlag, München 1980; 712 S., 68,– DM.

Souvarine war einer der Gründer der französischen kommunistischen Partei und kam sehr jung in eine Schlüsselstellung im Sekretariat der Dritten Internationale. Dann wurde er zu einem der ersten „Exkommunisten“, gab eine Zeitschrift mit Georges Bataille heraus, war mit Surrealisten verbunden und später besonders mit Simone Weil.

Die unglückliche Verlagsgeschichte dieses „Stalin“ ist im Vorwort der Neuausgabe zu lesen. Gallimards einflußreichste Berater, Bernard Groethuysen und André Malraux, hatten dem Verlag aus politischen Erwägungen mit Erfolg von der Veröffentlichung abgeraten. Von den englischsprachigen Ausgaben erhielt der Autor nie Tantiemen, und über den guten Absatz erfuhr er erst vor wenigen Jahren durch die Memoiren des Londoner Verlegers F. Warburg.

Zur Neuausgabe trug der Autor ein Kapitel als Nachwort bei, das, so gehaltvoll es ist, den so lange erhofften zweiten Band der Biographie nicht ersetzt. Was dessen Abfassung verhinderte, waren Existenzsorgen und der Drang, durch zahlreiche historische, dokumentarische, streitbare Aufsätze an der Auseinandersetzung um den Stalinismus beizutragen. Doch beweisen das Nachwort, Essays über Stalins frühe Personalpolitik, über Roy Medwedews Geschichte des Stalinismus und über Solchenizyns „Lenin in Zürich“, daß die Gründlichkeit, die Verve vom Alter nicht gemindert wurden. Souvarines legendäres Werk wurde seltener zitiert als verwertet. Angesehene Historiker haben die Neuauflage zum Anlaß genommen, um ihre hohe Schätzung auszudrücken.

Das Buch, das vor den Schauprozessen gegen die alte Garde abgeschlossen wurde, stellt Stalins Absichten und Methoden so treffend dar, daß von jenen Hinrichtungen über den kulturellen Terror des „Schdanowismus“ bis zu den blutigen Prozeßattrappen im Osteuropa des Nachkriegs nichts jene überraschen konnte, die es gelesen hatten. Zu den Lesern gehörte auch Bertolt Brecht, der es im Tagebuch kommentarlos verzeichnet.

Theorie ist nicht Souvarines Stärke. Seine Mutmaßungen über Stalins Paranoia und sonstige Geisteskrankheiten können vergessen werden. Was zählt, ist die fundierte Darstellung der Ereignisse und ihre Verknüpfung. Dies ist so meisterhaft, daß man sich zuweilen ein Buch von über 600 Seiten noch ausführlicher wünschte.