Von Horst Bieber

Es läßt sich nicht länger verheimlichen: Kuba steckt in einer tiefen Krise. Die fünftausend Untertanen Castros, die sich über Ostern auf das hoffnungslos überfüllte Gelände der peruanischen Botschaft in Havanna drängten, um ein Ausreisevisum zu ergattern, haben das Regime vor aller Welt bloßgestellt. Sie erteilten dem fidelistischen Sozialismus die entschiedenste Absage, die in einem Land ohne Wahlen möglich ist. Havanna versucht zwar zu retten, was jetzt an Ansehen noch zu retten ist. Es zeigt sich großmutig gegenüber seinen abtrünnigen Bürgern. Aber die Fiktion, das kubanische Volk sei dem maximo lider treu ergeben, läßt sich nicht mehr halten.

Eine Abstimmung mit den Füßen hat es in den 21 Jahren Castro-Herrschaft immer gegeben. Rund eine Million Kubaner haben die Insel verlassen – zuerst die bürgerliche Opposition, dann. die politischen Gegner, zuletzt jene Unzufriedenen, denen Havanna das Etikett „Parasiten, Arbeitsscheue und Kriminelle“ aufklebte. „Laßt sie doch ziehen, den Sozialismus kann man nur in Freiheit bauen“, lautete Castros großspurige Antwort an seine Kritiker, die vor solchem Aderlaß unersetzlicher Fachkräfte warnten. Seine Rechnung, auf diese Weise Druck abzulassen, schien aufzugehen. Wer blieb und opponierte, verschwand hinter Gefängnismauern; 3500 politische Häftlinge wurden in den vergangenen Monaten entlassen und abgeschoben. Das Bild Kubas sollte ohne Flecken bleiben..

Seit Ostern sind sie nicht mehr wegzuwischen. Mehr als die Hälfte der Ausreisewilligen ist unter 30 Jahre alt, aufgewachsen im realen Sozialismus: Hätschelkinder der Revolution. Ausgerechnet die neue Generation fordert mehr Freiheit und größeren Wohlstand. Was immer sie dazu veranlaßt hat, die Radiosendungen der Exilkubaner aus dem nahen Florida oder die mit Geschenken für die armen Verwandten beladenen Besucher vom feindlichen Festland – ihre Flucht in die Botschaft beweist, daß Castro die Jugend nicht gewonnen hat. Er hat Ansprüche geweckt, die er nicht befriedigen konnte. Gegen seinen Traum, die Welt vom imperialistischen Joch zu befreien, hat die Generation der Jungen ihren Traum vom kleinen, privaten Glück gesetzt. Heroischer Sozialismus verflüchtigte sich beim Anstehen nach knappen Lebensmitteln; das Lob für brüderliche Hilfe in Asien, Afrika und Lateinamerika entschädigte auf die Dauer nicht für eigene Opfer,

Doch die jüngste Wirtschaftskrise erklärt den Ausbruch der Unzufriedenheit nur unvollständig. Kuba hat immer über seine Verhältnisse gelebt; zuletzt wurde es vom großen Bruder Sowjetunion mit täglich zehn Millionen Dollar alimentiert. Die Bereitschaft zum Verzicht schwand mit dem Entstehen einer Funktionärskaste, deren administrative Unfähigkeit mit der Sicherung eigener Privilegien Hand in Hand ging. Sie präsentierte zwar gern einen Sündenbock für ihre Mißerfolge: die faule und arbeitsscheue Mehrheit – aber was anderes war ihr vorzuwerfen, als daß sie nachahmte, was die Führung ihr vorlebte? Der revolutionäre Elan erstickte in der Bürokratie. Da nutzte es wenig, daß Castro Anfang des Jahres die Schwierigkeiten eingestand. Beheben konnte und kann er sie nicht.

Fidel Castro hat einen tiefen Sturz getan. Noch vor einem halben Jahr schien er seinem ehrgeizigen Ziel nahe: der unbestrittene Führer der Blockfreien und Treuhänder der Unterdrückten zu sein und die Dritte Welt an die Seite der Sowjetunion zu führen. Moskaus Einmarsch in das blockfreie Afghanistan markierte das Ende dieses Höhenfluges. Die Wirtschaftsmisere auf der Insel zeigte ihm schmerzhaft die Grenzen kubanischer Möglichkeiten. Der Oster-Exodus hat nun aller Welt die Brüchigkeit seines Regimes demonstriert.

Was politisch zu Buche schlagen wird, ist vor allem die aufhorchende Nachdenklichkeit der Staaten, die an Castros Versprechen eines Sozialismus in Freiheit geglaubt haben. Der Kubaner hat seinen Anhängern ja nie das Paradies auf Erden verheißen; dazu war er zu klug und auch zu ehrlich. Aber er hat ihnen eine Ideologie angeboten, die geeignet schien, Völker zu einigen, die sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen wollen. Kuba offerierte Vorbild und Hilfe. Nun muß es eingestehen, daß es nicht einmal die eigenen Bürger gewinnen konnte. Die jämmerliche Denunziation von Radio Havanna, Asoziale und Kriminelle hätten die Chance genutzt, das Land zu verlassen, beweist bloß die Hilflosigkeit der Partei, sich und der Welt die Vorgänge zu erklären. Kein Kuba-Gläubiger hat je Anstoß an Versorgungsengpässen oder Einschränkungen der persönlichen Freiheit genommen; dieser Preis für die Entwicklung scheint allen akzeptabel. Aber daß selbst ein Mann mit dem Charisma Castros seine Untertanen nicht von dem Sinn solcher Opfer überzeugen konnte, wird Zweifel wecken, drinnen und noch mehr draußen.

Seit Ostern ist aus der vielleicht steuerbaren Wirtschaftskrise Kubas eine unheilbare Vertrauenskrise geworden.