Gorleben

Etwa 5000 Frauen waren über die Ostertage dem Aufruf der Frauengruppe Lüchow-Dannenberg gefolgt, „ihren Widerstand gegen das Atomprogramm und die menschenfeindliche Industrie zum Ausdruck zu bringen“. Sie waren mit Fahrrad oder Auto nach Gorleben angereist, um an Diskussionen teilzunehmen und am Sonntag zu demonstrieren.

Polizeiwagen pendelten ununterbrochen zwischen den Veranstaltungsorten hin und her, die rund um die geplante Atommüll-Wiederaufbereitungsanlage von Gorleben lagen. Mitten in der Wüste von abgebrannten Baumstümpfen wurde ein großes Informationszelt aufgeschlagen. Drinnen wie draußen standen Tische, an denen die Frauen ihre mitgebrachten Stullen aßen und Kaffee aus Thermosflaschen tranken. Kinder spielten mit herumliegenden Strohballen oder ließen sich Gipsabdrücke von ihren Gesichtern machen. Es war wie ein großes friedliches Picknick. Doch ließen sich die Konflikte nicht verbergen.

Die wenigen Männer, die aus Interesse an der Frauenbewegung nach Gorleben gekommen waren, waren der Grund für die ersten Unstimmigkeiten. Eine Frau verließ unter Protest eine Filmaufführung mit Mann und Kindern, weil der Mann nicht an der Aufführung teilnehmen durfte. „Man muß doch nicht das mit den Männern machen, was sie früher mit uns gemacht haben“, sagte sie. Doch Lilo Wollny, Mitarbeiterin der Frauengruppe Lüchow-Dannenberg, ist anderer Meinung: „Es ist einfacher, die Frauen politisch zu aktivieren, wenn sie unter sich sind, weil dann die Atmosphäre entspannter und ehrlicher ist. Erst müssen wir Frauen uns untereinander einig und unsere Forderungen ausgearbeitet sein, bevor wir die Männer ansprechen.“

Gebärstreik war ihr wichtigstes Thema, also die Weigerung, Kinder in die Welt zu setzen, deren Leben von Geburt an durch sich häufende Umweltskandale und von Atomanlagen bedroht ist. Die um die Hälfte gestiegene Rate von Totgeburten in der Umgebung von Harrisburg als Folge des Atomunfalls wurde zitiert. Doch einem Teil der Frauen ging es vor allem darum, ihrer Männerfeindlichkeit Ausdruck zu verschaffen.

Ilona Wagner, 35 Jahre, die Initiatorin des Gebärstreiks, hatte ganz anderes im Sinn. Sie hat selber zwei Kinder und ließ sich erst vor kurzem sterilisieren. Die Bundesrepublik habe die größte Säuglingssterblichkeitsrate in Europa, zählte sie auf, jedes 20. neugeborene Kind sei heute mißgebildet, 1500 Kinder würden jährlich im Straßenverkehr getötet und damit stehe die BRD an der Weltspitze. Für Ilona Wagner ist der Gebärstreik ein politisches Druckmittel, um die Lebensbedingungen der Kinder wieder zu verbessern. Sie weiß, was Kinder und das Erlebnis der Geburt für eine Frau bedeuten können: „Mein Angriff richtet sich nicht generell gegen Kinder, wir möchten uns mit unserem Streik gegen die verantwortungslose radioaktive und chemische Verseuchung wehren. Die Kinder haben durch die Bedrohungen unserer vertechnisierten Umwelt keine aktiven Widerstandsmittel mehr.“

Mit Hilfe der „Grünen“ gründete Ilona Wagner eine Gebärstreikgruppe. Schnell schlossen sich weitere Frauengruppen an; der Streik soll vom 1. Januar 1980 bis zum 31. Dezember 1981 dauern. Bis jetzt wurden über 2000 Frauen durch eine Unterschriftensammlung für den Streik gewonnen. „Ist nicht die ständig sinkende Geburtenrate in der Bundesrepublik Beweis genug, daß sich die Menschen gegen die Lieblosigkeit der Gesellschaft Kindern gegenüber wehren?“ meinte Ilona Wagner.