Wenn ich der einen überdrüssig werde, verbringe ich die Nacht mit der anderen. Wenn dies auch nicht ordentlich ist, so ist es wenigstens nicht eintönig, und im übrigen verliert wahrhaftig keine etwas durch meine Untreue...“

Es war nicht etwa eine vorübergehende Laune und schon gar nicht Angeberei, was den 28jährigen so schreiben ließ. Er meinte es ernst. Er wollte seinem Freund verständlich machen, daß er mit seiner Arbeitskraft beiden Interessengebieten – denn davon, nicht von Frauen war die Rede, gewachsen war und daß das eine Gebiet das andere ergänzte und vertiefte.

„Arbeiten muß man, arbeiten, alles andere hole der Teufel!“ notierte er einmal. Und er arbeitete wirklich, ohne sich Ruhe zu gönnen. Schön als Zwanzigjähriger hatte er angefangen, die ganze Familie zu ernähren – den Vater, der mit seinem Kolonialwarenladen Konkurs gemacht hatte und vor den Gläubigern fliehen mußte, die Mutter, seine zwei Brüder und seine Schwester. Er tat das neben seinem Medizinstudium, und zwar mit solchem Erfolg, daß die Familie schon bald regelmäßig in die Sommerferien fahren konnte. Eben jene Arbeit, die das erforderliche Geld einbrachte und die er zunächst zu reinem Erwerb tat, War es, die er schließlich als seine „Geliebte“ ansah. Und deren Anforderungen an Zeit und Kraft wurden schnell immer größer.

Zugleich jedoch wollte er auch der Medizin treu bleiben. Daher hat er auch als Arzt hart gearbeitet. Von frühmorgens bis in die Nacht war er für die Kränken da, er fuhr in die entlegensten Dörfer, und die meisten seiner Patienten behandelte er umsonst und versorgte sie auf eigene Kosten noch mit Medikamenten. Das alles tat er auch dann, als er eigentlich gar nicht mehr genügend Kraft hatte, weil die eigene Krankheit ihm mehr und mehr zu schaffen machte.

Er kaufte sich – das war der Traum seines Lebens gewesen – ein Haus mit einem großen Grundstück, „ein großes Gut“, wie er einem Freund schrieb, „dessen Besitzer man in Deutschland vielleicht den Herzogtitel verliehen hätte. 213 Hektar...“ Und er fühlte sich da überaus glücklich. Dann aber luden seine Verwandten Freunde und deren Freunde und Bekannte ein, die manchmal über viele Wochen in seinem Hause lebten. Um dennoch Ruhe zu finden, baute er sich im entlegensten Teil des Obstgartens ein kleines Holzhaus. Aber Ruhe fand er auch da kaum. Denn vom frühen Morgen an warteten Kranke auf ihn.

Alles das strengte ihn immer mehr an. Der 32jährige schrieb: „Ob es körperliches Alter oder Lebensmüdigkeit ist, weiß ich nicht: ich habe keine große Lust mehr Zu leben. Freilich bin ich auch nicht bereit Zum Sterben, aber das Leben ist mir wirklich auch ein wenig lästig geworden. Mit einem Wort: Meine Seele ist gleichsam in einem gefrorenen Traum erstarrt.“

Und, etwa zur selben nicht „Meine Seele ist müde. Es ist unerträglich, nicht sein denken Herr zu sein, sondern an Diarrhöen zu denken und mitten in der Nacht aufzufahren, wenn die (wird de bellen und an die Tür geklopft wird (wird man mich holen?), sich in unmöglichen Fahrzeugen auf weiß Gott welchen Wegen mühsam dahinzuschleppen...“