Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war Afrika für die Europäer vor allem aus einem Grunde interessant: Es gab dort Sklaven. Ansonsten wußte man wenig über den schwarzen Kontinent. Abgesehen von einigen Küstenregionen, in denen sich schon sehr früh Weiße etabliert hatten, wie etwa 1652 am Kap der Guten Hoffnung, waren die ungeheuren Landmassen unerforscht. Die Landkarten zeigten riesige weiße Flecken, sie waren ungenau; nicht einmal die Quelle des Nil war bekannt, oder richtiger: die Quellen, wie sich später herausstellen sollte.

All dies änderte sich schlagartig, als Europa im Zeichen der Industrialisierung und des Imperialismus zur Expansion ansetzte. Das Motiv für die Erforschung des unerforschten Kontinents war die Hoffnung, Geschäfte machen zu können – am Orte selbst und vor allem in Europa – mit dem, was man erbeutet, zurückgeschleppt hatte: Rohstoffe für die heimische Industrie.

Damit ist die Entdeckung und Eroberung Afrikas auf ganz andere Beweggründe zurückzuführen, als die Entdeckung und Eroberung des Orients und der beiden Amerika. Denn dort winkten damals Spezereien und Gold und Edelsteine als Beute.

Daß die Hoffnung auf das große Geschäft, der Drang nach den immensen Rohstoffvorkommen der Grund für den Run der großen und gernegroßen Staaten Europas in Richtung Afrika war, ist zwar eine bekannte Tatsache. Aber ist sie tatsächlich so allgemein bekannt, daß es sich

Gerhard Konzelmann: „Sie alle wollten Afrika. Die Geschichte der Entdeckung und Eroberung“; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1979; 368 S., 38,– DM

leisten kann, dies erst auf Seite 268 ausführlich anzusprechen? Dort zitiert er den deutschen Nationalökonomen Friedrich List aus dem Jahre 1840:

„Ein umsichtiger deutscher Konsular- und diplomatischer Dienst muß eingerichtet werden. Junge Forscher müssen dazu ermutigt werden, diese Gebiete zu bereisen und unparteiische Berichte zu erstatten. Junge Kaufleute müssen aufgefordert werden, die Gebiete auf ihre Handelsmöglichkeiten hin zu untersuchen. Unternehmungen sollen gegründet werden, von Aktiengesellschaften unterstützt und unter den Schutz der Regierung gestellt werden. In deutschen Hafenstädten sollen sich Körperschaften bilden, die überseeische Ländereien aufkaufen und mit deutschen Kolonisten besiedeln. Auch Handels- und Schiffahrtsgesellschaften müssen entstehen, deren Ziel die Eröffnung neuer Absatzgebiete für die deutschen Fabriken und die Aufrechterhaltung von Dampferverbindungen wäre. Kolonien sind das beste Mittel zur Entwicklung der Produktion.“