Von Rolf Michaelis

Feueralarm. Wildes Glockenläuten. Roter Flammenschein fällt durch das Dachfenster in die Mansarde, die den verwaisten „Drei Schwestern“ als letzte Zuflucht geblieben ist in dem von einer herrischen, gebärfreudigen Schwägerin besetzten Provinzpalast der Eltern.

Die Ausnahmesituation einer Brandnacht nutzt Anton Tschechow in seinem vor achtzig Jahren geschriebenen Drama in vier Akten für ein kühnes, damals schockierendes dramaturgisches Manöver: Er läßt in den (wie im Film) kurz aufgeblendeten Szenen des dritten Aktes alle wichtigen Personen des Spiels durch die Tabu-Zone des Schlafraumes der Schwestern gehen, wobei sie sich dem Zuschauer erklären.

Thomas Langhoff, Schauspieler und Regisseur (vor allem fürs Fernsehen) aus der DDR, der sich mit dieser Inszenierung am Frankfurter Schauspiel im Westen vorstellt, macht den hektischen Akt nach der Pause zum (gar nicht aufgeregten) Zentrum seiner vierstündigen Aufführung, der man mit wachsender Spannung folgt. Die ruhigen Bilder davor und danach gewinnen beklemmende Eindruckskraft aus der Genauigkeit, mit der hier, in Miniaturszenen, Menschen porträtiert werden.

Langhoff vergißt in keiner der zwölf kurzen Szenen den dramatischen Ausgangspunkt, für den dritten Akt: Störung eines elementaren Bedürfnisses nach Ruhe. Die vom beruflichen oder ehelichen Alltag erschöpften, durch die Aufregung des Brandes in den Holzhäusern der Stadt bis zur Hysterie ermüdeten drei Frauen haben nur einen Wunsch: endlich schlafen zu dürfen. Ständig kommen neue Gäste, deren Erregung durch das Feuer und den Trubel auf den Gassen sich in nicht zu bremsendem Mitteilungsbedürfnis, ja in Beichtzwang ausspricht. Wie sicher Langhoff den Akt aufbaut, zeigt sich darin, daß er noch im immer wilderen Tempo die von Tschechow gewünschten Pausen einhält, als Augenblicke tobenden Schweigens, das die Menschen – auch auf der anderen Seite der Rampe – lähmt.

Ruhig beginnt in Frankfurt der dritte Akt. Auf dem Notbett einer an die Rampe geschobenen Couch (vor den durch eine spanische Wand, durch einen Schrank fast verdeckten Betten der beiden Schwestern) liegt Mascha (Klara Höfels), die unglücklich verheiratete Schwester, in ihrem immer schwarzen Kleid. Wir wissen: Mascha hat sich in die Dachkammer zurückgezogen, nicht um zu schlafen, sondern um zu träumen. Sie ist der lästigen Fürsorge ihres Gymnasiallehrers von Ehemann entflohen, um in Ruhe an den Geliebten denken zu können, den Batteriechef der im Städtchen liegenden Garnison. Wenn es zwischen Schwester und Schwägerin zum Streit kommt über das Wohnrecht der alten Kinderfrau, nimmt Mascha ihr Kissen und verzieht sich in einen windstillen Winkel des Hauses, kommt aber immer wieder auf ihre Traum-Couch zurück.

Am schönsten zeigt sich die durch immer neu wiederholte Gesten und körperliche Zeichen leitmotivisch gegliederte Eigenart der Inszenierung, wenn der alte Militärarzt Tschebukytin (Alexander Wagner) betrunken die Treppe zur Dachkammer herauftorkelt. Vor einer Woche ist ihm, der keine Scheu hat, zu gestehen: „Ich habe alles, was ich einmal wußte, vergessen“, eine Frau unter dem Messer gestorben. Doch der Zynismus des Mediziners ist nur Schutzschild für eine verletzbare Seele. An der Waschschüssel im Alkoven kommt er nicht vorbei, ohne sich dem Ritual des Händewaschens hinzugeben. Während er sich, wie vor einer Operation, Hände und Arme bis zum Ellbogen einseift, lallt er seinen knappen, durch Schluchzen unterbrochenen Monolog, in dem er sich die Schuld am Tod der Patientin gibt. Akkurat legt er das Handtuch in Falten und – taucht die Hände aufs neue in die Schüssel. Danach hat er nicht mehr die Kraft, das Leinen ordentlich zusammenzulegen: Er rollt es, nach vergeblichen Versuchen um Präzision, zu einem Knäuel und – patscht ein drittes Mal die Hände in die Schüssel. Ehe er dann in das Bettenlager stolpert, kann er das nasse Tuch gerade noch auf den Waschtisch klatschen.