Köln: „Russische Kunst aus der Sammlung Semjonow“

Wäre publizistischer Rummel ein Maßstab für die Bedeutung einer Ausstellung, müßte die Präsentation russischer Kunst aus der Sammlung Semjonow zu den bedeutendsten Kunstveranstaltungen der letzten Jahre gezählt werden, denn selten sah man im Museum Ludwig so viele Medienvertreter wie bei der Vorbesichtigung dieser Ausstellung. Doch äußerer Aufwand und das, was in den Museumsräumen zu sehen ist, Waffen weit auseinander. Die mit rund vierzig Beispielen russischer Malerei, Graphik und Plastik des 20. Jahrhunderts auch quantitativ eher bescheidene Schau würde wohl kaum größere Beachtung finden, wäre da nicht das in letzter Zeit inflationär gestiegene Interesse an sowjetischer Kunst und der Name des Leihgebers. Auffallend an der Sammlung des sowjetischen Botschafters: daß der Politiker keineswegs nur konforme, offiziell anerkannte Künstler sammelte. „Nicht von berühmten Namen und Kunstrichtungen ist der Sammler angezogen worden, sondern“ – so Evelyn Weiss im Ausstellungskatalog – „eher von Einzelpersönlichkeiten, die ein wenig abseits von der großen Kunstszene – und den zeitgenössischen Richtungen ihre Arbeit konsequent verfolgt haben“. Unter den wenigen auch im Westen bekannten Künstlern: Natalia Gontscharowa, aus deren 1914 entstandenem Zyklus „Der Krieg“ vierzehn Lithographien zu sehen sind, der mit einer frühen Tuschzeichnung vertretene Wassily Kandinsky und Iwan Kljun, dessen 1919 gemalte „Suprematistische Komposition“ als einziges Beispiel für das wohl bekannteste und bedeutendste Kapitel der russischen Kunst dieses Jahrhunderts steht. Den zeitlichen Schwerpunkt der jetzt zum erstenmal öffentlich ausgestellten, sonst in der Bonner Residenz des Botschafters hängenden Sammlung markieren Gemälde, die vor oder kurz nach der Oktoberrevolution 1917 entstanden sind. (Museum Ludwig bis 26. Mai, Katalog 10 Mark)

Raimund Hoghe

München: „Eduardo Arroyo – Blinde Maler und Exil“

Der Gemäldezyklus „30 Jahre danach“ (gerechnet vom Ende der spanischen Republik) enthielt Arroyos Abrechnung mit dem Francismus: Noch einmal gemalte Meisterwerke der spanischen Kunst, witzig und aggressiv umfunktioniert, und kritisch bearbeitete Tourismusplakate machten die Wirklichkeit sichtbar, die sich hinter der Werbung mit Kunst und Folklore verbarg – da verwandelte sich eine „Tänzerin“ von Miró in eine von der Polizei kahlgeschorene Bergmannsfrau, und unter dem Rock einer sich in den Hüften wiegenden Schönheit lugte ein Soldatenstiefel hervor. Arroyo, der damals in Paris im Exil lebte (und bis heute nicht in seine Heimat zurückgekehrt ist), hatte nur ein Ziel, die Entlarvung der Diktatur. Mit dem Tod Francos, der Spanien den manchmal noch mühsamen Weg in die Demokratie freigab, hatte Arroyo (und nicht nur er allein) die eigentliche Motivation seines Schaffens verloren. Noch zu Lebzeiten des Caudillo allerdings finden sich im Werk Arroyos Ansätze zu einer kritischen Reflexion politisch engagierter Kunst, in den Porträts von Malerfreunden, die indirekt auch seine eigene Lage zeigen. Angesprochen ist die Wirkungsmöglichkeit von Kunst angesichts einer übermächtigen Realität. Arroyo, so scheint es, hat seine Zweifel – die „Blinden Maler“ ohne Gesichter und Hände, die nur aus farbigen Flecken bestehen, sind in die Malerei verliebt und liefern ihr Engagement der Vermarktung aus. Die Auseinandersetzung mit einer durch die Ereignisse in Frage gestellten künstlerischen Haltung signalisiert eine Krise, aus der Arroyo sich zu befreien sucht, indem er, heutige Probleme in der Vergangenheit wiederfindend, sich Figuren der Geschichte zuwendet. José Maria Blanco White etwa, einem Intellektuellen, der – seit 1810 in London im Exil – kein Spanier bleiben wollte und doch nicht wirklich Engländer werden konnte. Blanco White war auf der Suche nach einer neuen Identität – und Arroyo ist es offensichtlich auch. (Städtische Galerie im Lenbachhaus, bis zum 4. Mai; Katalog 20 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Stilleben in Europa“ (Kunsthalle bis 16. Juni, Katalog 30 Mark)