von Eric Warburg

Von Marion Gräfin Dönhoff

Im allgemeinen sagt man: „Die dritte Generation taugt nicht mehr viel, und die vierte kennt schon gar niemand mehr.“ Bei den Warburgs ist das anders. Die vierte Generation dieser Hamburger Bankiersfamilie, die vor 300 Jahren aus Warburg nach Hamburg-Altona einwanderte, war wahrscheinlich die bemerkenswerteste. Von den fünf Brüdern, die alle zwischen 1866 und 1880 geboren wurden, waren drei, auch „im Weltmaßstab“ gemessen, bedeutende Persönlichkeiten.

Der älteste war Aby Warburg, der Professor; ein universal gebildeter Kunsthistoriker, Begründer der einzigartigen, heute in London lokalisierten Warburg-Bibliothek, der seiner ästhetischen Zunft ganz neue geistige Perspektiven erschlossen hat. Er verzichtete gegenüber dem Bruder Max auf sein Erstgeburtsrecht – gegen dessen Versprechen, alle Bücher zu bezahlen, die Aby anschaffte. Auf diese höchst kostspielige Weise wurde Max Chef des Bankhauses M. M. Warburg & Co. Der nächste in der Reihe, Paul, wurde der Erfinder des Federal Reserve Bank System in Amerika.

Der Vertreter der folgenden, der fünften Generation, Eric Warburg, ist ein Sahn von Max. Eric Warburg – heute Senior des Hauses – feiert am 15. April seinen 80. Geburtstag. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, nur ein bißchen Geschichtskenntnis, sich vorzustellen, was alles das Leben eines Warburgs, der im Jahr 1900 geboren worden ist, umspannt: zwei Weltkriege, ein Tausendjähriges Reich, die Vertreibung aus Deutschland, dem man sich so vollkommen assimiliert fühlte; der tiefe Konflikt zwischen, unermeßlichem Gram und der Einsicht, Verzeihung üben zu müssen, wenn das Leben weitergehen sollte; die Rückkehr in eine zerstörte Heimat, die doch nicht mehr die alte Heimat sein konnte; Wiederaufbau ...

Aufgewachsen ist Eric Warburg auf dem Kösterberg, dem wohl nobelsten Besitz, den es in Hamburgs großer Zeit gab. Gesellschaftlicher Glanz und philantropischer Eifer zeichneten das Haus der Warburgs aus. Vater Max, der mit dem Kaiser befreundet war und der zusammen mit Albert Ballin, dem Schöpfer der Hamburg-Amerika-Linie, dazu beitrug, daß diese sich zu einem Weltunternehmen entwickelte, der Prinz Max von Baden während seiner Kanzlerschaft fast täglich sah und in dessen Haus später Walter Rathenau verkehrte, war, wie es oft hieß, der ungekrönte König von Hamburg.

Er war Mitglied der Finanzdelegation, die zu den Friedensverhandlungen nach Versailles geschickt wurde, und hatte dafür votiert, die Unterschrift zu verweigern, weil „die Bedingungen unerfüllbar sind und den völligen Ruin Deutschlands herbeiführen müssen“. So wurde Eric Warburg schon früh vertraut mit den großen Problemen der Zeit und hineingewoben in die Verantwortung für sein Land – das, wie sich dann herausstellte, doch nicht sein Land war.