SCHÜLERIN: Ist diese Liste der 100 Bücher wirklich realistisch speziell auf Jugendliche, auf Schüler abgestimmt? Das möchte ich bezweifeln. Wenn ich mir einige Sachen ansehe, dann glaube ich, ist das ganz und gar nicht auf Jugendliche abgestimmt.

RADDATZ: Meinen Sie Titel oder Rezensionen?

SCHÜLERIN: Beides. Es gibt auch einige Rezensionen, mit denen Schüler nichts anfangen können.

RADDATZ: Nennen Sie mal ein Beispiel.

SCHÜLERIN: „Tristan“ etwa fand ich ziemlich schwierg, allein die Besprechung. Daraufhin kann ich mir nicht vorstellen, daß ich jemals das Buch in die Hand nehme. WAPNEWSKI: Gut, daß Sie das erwähnen. Ich bin ja der Verfasser. Natürlich habe ich geglaubt, ich schriebe so, daß der Laie es verstünde, aber da gibt man sich ja gelegentlich verstünde, schungen hin.

SCHÜLER: Bei Berufskritikern ist ja die Gefahr, daß sie es nicht so sehr abstimmen auf ein jugendliches Publikum. Es wimmelt von wahnsinnig hoch-literarischen Begriffen, unheimlich vielen Fremdwörtern und so weiter; das ist dann für Jugendliche nicht zu gebrauchen.

WAPNEWSKI: Da ist ein Mißverständnis. Ich bin der Meinung – wenn Sie mir eine überscharf formulierte These erlauben –, es gibt überhaupt kein Buch, das für einen Jugendlichen zu schwer ist. Wir alle verstehen von einem Buch immer nur Partien und die Dinge, die unserer Lebensstufe, unserer jeweiligen Befindlichkeit gemäß sind. Mit 50 liest man den „Zauberberg“ völlig anders als mit 20. Aber man kann sich an ihm auch getrost mit 15 versuchen. Man wird nur einen Teil verstehen, aber „zu schwer“ könnt ich mir überhaupt kein Buch denken. Früher hätte man das von Büchern mit stark sexueller Note, gesagt, Gott sei Dank sind wir darüber hinweg. Ich würde jetzt nur sagen: man sollte es bei dem ersten Versuch nicht belassen.