Von Klaus Viedebantt

Sie haben Millionen in den Sand gesetzt – 64 Millionen US-Dollar, und der Erfolg ist unübersehbar: Amerikas „playground of the nation“, Miami Beach, hat wieder einen nennenswerten Strand, der diesen Namen verdient. Vor der meilenlangen Kette der Ferienhotels auf der Düneninsel erstreckt sich jetzt ein wunderschöner weißer und feiner Sand. Des Meeres Wellen und der Karibik Stürme hatten den weltberühmten Strand abgeräumt und den Badestreifen bis an die Grundmauern der Hotels weggespült.

Die Technik-Bataillone der Armee, die im vergangenen Sommer begannen, an Floridas „goldener Küste“ Sand anzuschwemmen, werden im nächsten Jahr, wenn sie wieder abrücken, zwar fast 17 Kilometer neuen Strand hinterlassen. Ob aber Miami Beach damit aus seiner Agonie erlöst werden kann, ist fraglich. Der Ferienort sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Deutsche Reiseveranstalter, die in diesem Jahr mehr denn je das preiswerte Miami Beach als nobles Sonnenziel anpreisen, schicken ihre Kunden womöglich in ein verdämmerndes Paradies.

Für den (noch nicht entschiedenen) Überlebenskampf eines der beliebtesten Urlaubsreviere der Welt gibt es viele Einzelgründe, die sich unter zwei Begriffen zusammenfassen lassen: Hochmut und Profitgier. Hochmut ließ die Manager der florierenden Ferienmaschine nicht daran glauben, daß eines Tages die Gäste das quirlige Erholungszentrum meiden könnten, weil die Hotels immer schäbiger und die Leistungen immer dürftiger wurden. Hochmut ließ auch die fleißig werbende Konkurrenz außer acht: die Karibischen Inseln, nur einen Luftsprung von Miami entfernt, die cleveren Kreuzfahrt-Reedereien, die lediglich Miamis Flughafen brauchten, und die neuen Attraktionen im Inneren Floridas, die – wie Disney World – Millionen von Amerikanern auf der Reise nach Süden abfingen. Sie alle nahmen Miami Beach die Kunden weg.

Profitgier verhinderte Gegenmaßnahmen und Investitionen. Solange noch etwas herauszuquetschen war aus der „großen Orange“, kümmerte sich keiner um die Zukunftssicherung. In den Hotels aller Kategorien wurde abgesahnt, aber nicht renoviert. Erst als selbst das Flaggschiff der Ferienhotellerie Floridas, das Fontainebleau, Pleite machte, wurden die Tourismus-Kaufleute von Miami Beach wach.

Ihre Versuche, jenseits der Biscayne Bay, im benachbarten Miami, Hilfe zu finden, stießen auf ziemlich taube Ohren. Die Großstadt, eine der neuen US-Metropolen im südlichen Sonnengürtel und auf dem besten Weg, ein nationales Wirtschaftszentrum zu werden, wollte von der heruntergekommenen Schwesterstadt im Freizeitland nichts wissen, obschon Miamis Flughafen – allem Aufschwung zum Trotz – ohne den Tourismus doch nur nach Provinzkategorien gemessen würde.

Miami Beach fand Rückhalt bei Floridas Kongreßmännern. Sie arrangierten den Armee-Einsatz am Strand (die größte derartige Aktion in der Welt), und sie stützen auch jenes Projekt, das den Süden der sandigen Insel mit einem modernen Venedig versehen soll. Ein mehr als drei Kilometer langes Kanalnetz soll neun Luxushotels, Jachthäfen, teuren Wohnanlagen und preiswerten Wohnungen Raum bieten. Das gigantische Projekt wird auf Kosten von 850 Millionen Dollar berechnet, Schätzungen in Miami, die von einer Milliarde Dollar sprechen, sind wohl realistischer. Das neue Feriengebiet soll Miami Beach mit einem Kraftakt wieder in die Liste der großen Seebäder befördern und es von dem Ruf befreien, das Altersheim der Neuen Welt zu sein.