Von ihrer Existenz erfährt man erst, wenn man schon mitten drin steht. Das haben verzauberte Wälder so an sich. Nach Wochen der Tramperei durch die Bretagne nahmen mich eines Abends gastfreundliche Bretonen in ihrem Haus auf, das keine fünfzig Kilometer westlich von Rennes lag. Sie erzählten mir die abenteuerlichsten Geschichten von dem Wald, in dem sie wohnten, dem Forêt de Paimpont, oder, wie er im Altfranzösischen heißt: „Bréchéliant dont Bretons vont souvent fablant...“ Der Wald, von dem die Bretonen oft fabulierten, ist heute nicht mehr so groß wie zu Zeiten des König Artus. Die 8000 Hektar Baumfläche um Paimpont, der Wald von Broceliande, sind die Reste eines riesigen Waldgebietes, in dem einst Artusritter Abenteuer suchten.

Am nächsten Morgen mache ich mich auf, um einige dieser Orte voll Abenteuer und Legenden aufzuspüren. Mein erstes Ziel ist die Quelle von Barenton, an der der Zauberer Merlin von der Fee Viviane verhext und in tiefen Schlaf versetzt wurde. Auf einsamen Pfaden, die schon in mittelalterlichen Ritterromanen erwähnt wurden, und durch wucherndes Gestrüpp, gelangt man zu einer sprudelnden Quelle. Der große, flache Stein daneben diente nicht nur Artusrittern, wie dem Yvain, sondern auch Druiden und katholischen Priestern dazu, in Dürrezeiten Wolkenbrüche herbeizuzaubern. Es geht ganz einfach, man muß den Stein nur mit Quellwasser besprengen. Herausforderung genug, desgleichen zu tun. Das letzte Mal, so meine bretonischen Gastgeber, gelang dieses Ritual im Dürresommer des Jahres 1835.

Broceliande ist voll von Tümpeln und kleinen Seen; in der Dämmerung verleiht das dem Wald einen mysteriösen Charakter. Aber selbst am Mittag schwebt ein geheimnisvoller Dunst über dem „Tal ohne Rückkehr“, das ich als nächstes betrete. Es befindet sich in der Nähe des Dorfes Tréhorenteuc, wo man das Gralsmuseum besichtigen sollte. Im „Tal ohne Rückkehr“ nimmt man jedes Geräusch, wie in einem Amphitheater, wahr. Vielleicht daher die Legende von den nächtlichen Seufzern. Die Liebhaber der bösen Morgaine stöhnen hier. Sie waren in einem Luftgefängnis eingesperrt, bis der tapfere Lancelot vom See dem Spuk ein Ende bereitete. „Feenspiegelteich“ heißt heute noch das Wasser in der Mitte des Tales.

Der dritte Ort, den ich an diesem Tag noch erreichen will, ist das Grab des Zauberers Merlin, das er bis zur Ankunft eines neuen Zeitalters mit seinem Schnarchen erfüllen wird. Es liegt sehr versteckt am Rande des Waldes, nur zweimal trifft man auf einen verfallenen Wegweiser, und man braucht ein bißchen Glück, um es zu finden. Merlin schlummert unter einem großen Menhirstein. Eine kleine Entdeckung: Wenn man 50 Meter rund um den Stein auf den Boden klopft, wird man feststellen, daß alles hohl darunter ist.

Es begann schon zu dunkeln, und so überließ ich die Lösung dieses Rätsels künftigen Forschern. Auf dem Heimweg kam ich an der Festung von Comper vorbei, dem Schloß, auf dem die Fee Viviane geboren wurde, und am Lac de Diane. Hier stand der heute verschwundene Feenpalast, in dem der Artusritter Lancelot aufgewachsen war. Die Gespensterarchitektur vor dem düsteren bretonischen Horizont beschleunigte meine Schritte. Zu Recht, denn meine Magie an der Quelle von Barenton begann zu wirken – nach Wochen der Trockenheit gab es an diesem Abend das erste Gewitter samt heftigem Wolkenbruch. Elmar Schenkel