Günter Mittag in Bonn – ein deutsches Wunder? Der Wirtschaftslenker der DDR, von dessen ökonomischem Balanceakt auch Erich Honeckers politisches Schicksal abhängt, auf Visite bei Lambsdorff und beim Kanzler – während die beiden Weltmächte den Handel stornieren, Besuche annullieren, Dialoge blockieren. Einst hinkten die deutschen Staaten mit den ersten Annäherungsschritten hinter der Entspannung ihrer Vormächte her. Jetzt versuchen sie in wärmstem Einvernehmen die gesamtdeutschen Gefilde vor der eisigen Großwetterlage zu schützen. Es gäbe dieses Wunder nicht, wenn die Sowjets wirklich ernsthaft entschlossen wären, die Spannung auf Europa zu übertragen. Daran kann Moskau, solange im Kreml noch die Vernunft der Opportunität waltet, nicht interessiert sein. Die katastrophale Wirtschaftslage in ganz Osteuropa, der alle Pläne zerstörende Energiemangel hat das westliche Vorfeld der Sowjetunion zu explosiv gemacht.

Dies ist die Ambivalenz der Energiekrise: Moskaus. Vorstoß nach Afghanistan ist in ihrem Zeichen zum Anschlag auf den Weltfrieden geworden, Osteuropa aber wird durch den Energiemangel stärker an den Westen gedrängt. Hier liegt auch die Erklärung für jenes deutsche Wunder, das die Letzten der Entspannung zu den Ersten macht, die um ihre Erhaltung kämpfen. Die Entwicklung der Weltwirtschaft hat Helmut Schmidts „national-ökonomischer“ Deutschlandpolitik recht gegeben, hat das von Günter Gaus einst definierte Ziel begünstigt, „ein Geflecht von Interessenausgleichen zu schaffen, das keine Seite ohne Nachteile für sich selbst zerreißen kann“. Der Mechanismus einer totalen Abgrenzung, mit dem die DDR früher auf Zuspitzungen reagierte, kommt heute einer Sabotage der von Bonner Millionen gestutzten Planwirtschaft gleich.

Moskau kann an sich kein Interesse daran haben, Ostberlin den Devisenfluß abzugraben und in der DDR die Konsumenten weiter zu verbittern. Doch auch die SED-Funktionäre scheinen nicht mehr sicher zu sein, daß das Duell der Großmächte in berechenbaren Bahnen verläuft. Deshalb wollen sie jetzt offenbar unter Dach und Fach bringen, was nur irgend geht. Aus diesem Grund wird sich Günter Mittag in Bonn wohl auch bemühen, das deutsche Interessengeflecht möglichst krisenfest zu machen.

C.S.-H.