Von Marlies Menge

Die jungen Frauen tragen Hosen mit weiten Blusen darüber: die Mode der Schwangeren. Sie sitzen im Hinterzimmer der Beratungsstelle des DFD (Demokratischer Frauenbund Deutschlands) in Oranienburg, einer Kreisstadt nahe Ost-Berlin. Auf dem Tisch Broschüren für junge Mütter, ein Becher mit Stiften, blühende Primeln. Eine Fürsorgerin der Schwangerenberatung, Schwester Christine, redet über „Vorbereitung auf das erste Kind“.

Die DFD-Beratungsstelle, in einem ehemaligen Blumenladen untergebracht, ist dienstags und donnerstags geöffnet. Frauen kommen und lassen sich zeigen, wie die Strickmaschine funktioniert, sie leihen Handarbeitsanleitungen für Babysachen aus und Modezeitschriften. Am Abend werden Koch- und Schneiderlehrgänge angeboten. Frauen sind in der DDR wichtige Arbeitskräfte. Die rund 200 DFD-Beratungsstellen und deren Kurse sollen ihnen helfen, neben dem Beruf Familie und Haushalt zu schaffen. Denn wenn auch dauernd und heftig die Gleichberechtigung proklamiert wird, kaum ein Mann mehr etwas dagegen zu sagen wagt, müssen im DDR-Alltag doch noch vor allem die Frauen die Hausarbeit tun und die Kinder versorgen. Trotzdem ist durch finanzielle Hilfen, Babyjahr, Krippen- und Kindergartenplätze die Geburtenrate in den letzten Jahren gestiegen.

In Oranienburg leben 600 Schwangere. 20 von ihnen hören Schwester Christine zu, die gegen das Rauchen wettert, vor übermäßigem Essen warnt, zu regelmäßigem Schlaf und viel Gymnastik rät und zum Laufen: „Mit dem stolzen Gang der Schwangeren.“ Drei der sehr jungen Mütter haben ihre Männer mitgebracht. Aufmerksam wie ihre Frauen hören sie zu, besonders als Schwester Christine bis in jede Einzelheit sämtliche Phasen der Geburt beschreibt. Ein Pärchen (er aus Oranienburg, sie aus der Sowjetunion; sie haben sich beim Studium kennengelernt) erzählt, daß es auch die anderen Abende besuchen will. Da redet eine Psychologin über Kindererziehung: Wie Eltern ihre Kinder auf die Krippe vorbereiten können, zum Beispiel durch Erziehung zu Ordnung. Eine Kinderärztin erklärt, was zu tun ist, wenn der Säugling krank wird, eine Fürsorgerin aus der Säuglingsberatung sagt, wie das Baby ernährt werden sollte, und Schwester Christine wird mit Hilfe einer Puppe die Pflege des Säuglings demonstrieren.

Der DFD versucht, Familienleben zu lehren. Ärzte, Juristen, Architekten, Sparkassen-Angestellte reden über Themen wie: „Wir werden drei“, „Wie richte ich meine Wohnung ein?“, „Was mache ich mit dem Ehekredit?“ Eva Hahn von der DFD-Zentrale in Ost-Berlin sagt zwar: „Die Familie ist der intimste Bereich des Menschen. Die Gesellschaft darf sich nicht einmischen, muß sehr taktvoll vorgehen“, doch sie weiß um die Bedeutung der Familie für den einzelnen, besonders für die Erziehung der Kinder, und kennt die hohe Scheidungsquote in der DDR; übrigens zu einem großen Teil auf Initiative von selbstbewußten Frauen zurückzuführen.

Gegen diese Art der Familienauflösung, so heißt es in der DDR, müsse etwas getan werden. Ihre Bürger sind von Kindesbeinen an gewöhnt, daß ihnen gesagt wird, was sie zu tun haben: im Kindergarten, in der Schule, im Beruf. Vermutlich finden sie es normal, daß man sie auch lehrt, wie man eine Ehe führen sollte. „Die Menschen müssen lernen, Liebe jeden Tag neu zu produzieren“, sagt Eva Hahn und meint vor allem Eheleute. Schon in der Schule sollen Kinder, auf ihre späteren Aufgaben als Ehepartner vorbereitet werden. Denn in die Familie, jene „kleinste Zelle der Gesellschaft“ (DDR-Familiengesetzbuch), soll Liebe einmünden. Wer glücklich liebt, kann besser arbeiten. Kinder aus intakten Familien bringen es in der Schule weiter als solche aus geschiedenen Ehen.

Im DFD-Beratungszentrum in Cottbus, Bezirksstadt des DDR-Energiebezirks, wird eine Abiturientenklasse in „Jugendliebe – Sexualität – Partnerwahl“ unterwiesen. Ursula Fricke, eine Internistin, leitet den Kurs: Sie sagt: „Sexualberatung ist mein Hobby.“ Das Hinterzimmer der DFD-Beratungsstelle in Cottbus ist größer, luxuriöser als das in Oranienburg. Auf dem Tisch eine weiße Decke und Forsythienzweige, an der Wand Grünpflanzen und ein alter Stich von Cottbus. „Ihr wart sicher alle schon mal verliebt... Ihr wollt alte mal Papis und Mamis werden...“, beginnt Ursula Fricke betulich. Das gesellschaftliche Ziel ist klar: eine Drei-Kinder-Ehe. Der Staat will helfen, es möglichst glücklich soweit zu bringen. Dr. Fricke redet von weiblichen und männlichen Geschlechtsorganen, von ihren Funktionen, von unterschiedlichen Erregungskurven von Frau und Mann und doziert: „Wir wünschen uns von Ihnen, daß Sie sich – natürlich mit einer hohen ethischen Einstellung – in Liebe und Partnerschaft auch sexuell kennenlernen.“ Denn Liebe stimuliert: „Wer glücklich liebt, kann auch besser arbeiten.“ Und zur glücklichen Sexualität gehöre eine glückliche Liebesbeziehung: „Glücklich zu lieben ist die größte menschliche Leistung.“ Von den Möglichkeiten der Schwangerschaftsverhütung ist auch die Rede (33 Prozent der Frauen in der DDR nehmen im gebärfähigen Alter die Pille), von Schwangerschaftsunterbrechung, ebenso von Homosexualität, Sodomie, Exhibitionismus und Gruppensex. Ursula Fricke spricht in diesem Zusammenhang von „sexuellen Abarten“.