Von Wilfried Kratz

Drei Monate hat der Stahlstreik in Großbritannien gedauert. Die Financial Times kennt keinen Arbeitskampf, „der von beiden Seiten so falsch geführt wurde“. Dieser längste Großstreik seit vielen Jahren hat gleichwohl dazu beigetragen, die sozialpolitische Szene in Großbritannien zu verändern.

Für die Politik der konservativen Regierung Margret Thatchers, die das Land, wie die Chefin es ausdrückt, mit den ökonomischen Realitäten konfrontieren und an strenge finanzielle Disziplin gewöhnen will, ist der Streik eine wichtige Wegemarke. Er hat Wunden geschlagen. Er hinterläßt unter den Stahlarbeitern und im Gewerkschaftslager generell ein Gefühl der Bitterkeit, fördert aber auch die Erkenntnis, daß diese Regierung das alte Ritual der Lohnverhandlungen und das Gewicht der sozialen Kräfte zu verändern trachtet.

Die Regierung hatte der staatlichen British Steel Corporation zwar einen Zuschuß von 1,9 Milliarden Mark für das Finanzjahr 1980/81 angewiesen, sich dann aber geweigert, ein schnelleres Ende und größere Lohnzugeständnisse dadurch zu ermöglichen, daß sie mit dem Geld des Steuerzahlers noch höhere Subventionen gewährte. Immer wieder erklärte Industrieminister Sir Keith Joseph, British Steel sei jahrelang vom Steuerzahler mit Riesensummen für ein umfangreiches Investitionsprogramm und zur Abdeckung von Verlusten gefüttert worden. Nun müsse einmal ein Strich gezogen werden. Die Stahlarbeiter verdienten schließlich mehr Geld als viele Steuerzahler, die hier zur Kasse gebeten werden sollten. Der Streik erhielt damit sehr schnell einen politischen Charakter. Die Gewerkschaften versuchten, den Arbeitskampf auszuweiten und seine Wirkungen so fühlbar zu machen, daß die Regierung schließlich zum Nachgeben gezwungen worden wäre.

Aber diese Taktik funktionierte nicht. Die Wirkung des Streiks blieb relativ gering. Die Gewerkschaften hielten dennoch aus in der Hoffnung, sie könnten die Regierung in die Knie zwingen. Doch das Äußerste, das sie erreichten, war eine dreiköpfige Untersuchungskommission unter Vorsitz des früheren Labour-Ministers Lord Lever, die dann über das letzte Angebot von British Steel hinaus eine kleine Zulage durchsetzte. Bill Sirs, der Generalsekretär der größten Gewerkschaft, versuchte zwar, den schließlich akzeptierten Kompromiß als Erfolg der gewerkschaftlichen Durchhaltepolitik darzustellen. Doch das Eigenlob kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß seine Mitglieder wochenlang ohne Lohn und ohne einen Penny Streikgeld ausgeharrt und dafür nur ein äußerst bescheidenes Ergebnis herausgeholt hatten. Die Lohnerhöhung um 16 Prozent bedeutet für die Stahlarbeiter trotz der – zumindest für deutsche Verhältnisse – hohen Zahl in Wirklichkeit eine Senkung des realen Einkommens. Die Geldentwertung beträgt in Großbritannien nämlich 19 Prozent im Jahr – bei steigender Tendenz.

Künftig werden die britischen Gewerkschaften in ähnlichen Auseinandersetzungen wahrscheinlich an das Debakel der Stahlgewerkschaften denken und nicht mehr naiv erwarten, daß der Regierung durch Anziehen der Daumenschrauben Geld abgepreßt werden kann. Die Regierung will sich so weit wie irgend möglich aus Lohnstreitigkeiten heraushalten und den Parteien das Gefühl geben, daß sie selbstverantwortlich handeln und die Konsequenzen ihres Tuns zu tragen haben. Im Stahlstreik hatte die Regierung mit dieser Haltung weitgehend Erfolg.

Der Streik hat bei der Bevölkerung das Bewußtsein dafür geschärft, daß ein Ausgleich für die gestiegenen Lebenshaltungskosten nicht mehr automatisch zu erhalten ist. Die Gewerkschaften hatten während des Ausstandes mit dem Schlachtruf „Zwanzig Prozent ohne Bedingungen“ zum Ausdruck gebracht, daß eine Erhöhung der Löhne im Ausmaß der Inflation ihr Ziel ist.