Zum Tode von Vladimir Holan

Mehrfach wurde er für den Nobelpreis vorgeschlagen. Jetzt ist es zu spät: am 31. März starb der tschechische Dichter Vladímir Holan im Alter von 74 Jahren in Prag an einer Lungenentzündung. Zu spät ist es damit auch, die Tschechen für ihren spezifischen Beitrag zur modernen Weltliteratur zu ehren.

Holan lebte sehr zurückgezogen. Nach kurzer Tätigkeit als Beamter widmete er sich sein Leben lang der Literatur, hauptsächlich seiner esoterischen Lyrik. Dennoch erreichte sein Werk Bevölkerungsschichten, die sich bei uns nie mit „dunkler“ Lyrik beschäftigen würden. In seinen – epische, dramatische, philosophische Elemente einbeziehenden – Gedichten hat Holan verschiedene Aspekte der schmerzlichen Geschichte des tschechischen Volkes zur Sprache gebracht. Um diese Erfahrungen bereicherte er die Sprache der internationalen Moderne, Erfahrungen, die er in einer Gedichtzeile ausdrückt: „Wir, die wir nicht einmal im Unbewußten Ruhe haben ...“

In einer Geschichte, die sich zwischen Auflehnung gegen traditionelle europäische Ordnung und dem Erleiden fremder Herrschaft bewegte, konnte keine Verklärung überlieferter Verhältnisse die Illusion von Ruhe und Geborgenheit vermitteln. Nicht umsonst gipfelt die tschechische Romantik in der lyrisch-epischen Dichtung „Máj“ von Karel Hynek Micha, in der die metaphysische Ungeborgenheit eines Menschen nach dem Vatermord dargestellt wird. Kaum ein tschechischer Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts hat die Atmosphäre dieses romantischen Meisterwerks so in die Gegenwart hineingetragen und mit moderner Sprache verbunden wie Holan. In seinen frühen Gedichten finden sich die modernen Elemente weniger im Inhalt als in der radikal-konstruktiven Sprachgestal-– tung, die zum romantischen Inhalt in dissonanter Spannung steht. Holans Erschütterung über das Münchner Abkommen und dessen Folgen spiegelt sich auch in der Form seiner Gedichte. Die Elemente der technischen Zivilisation drängen ins Gedicht, das Unbeseelte, Zersplitterte, Undurchdringliche der Gegenwart kommt immer mehr zur Sprache. Die romantische Sehnsucht wird aber nicht zurückgedrängt, sondern durchdringt das Unbeseelte, Unpoetische, abgründig Schwere. „Am Ende ist Seele selber die Sehnsucht des Unbeseelten nach Rettung“ – dieser Satz Theodor W. Adornos könnte viele Gedichte Holans charakterisieren.

Daß dies im zwanzigsten Jahrhundert ausgedrückt werden konnte, zeugt von der Kraft, die die tschechische Kultur gerade aus ihrem Mißverhältnis zur traditionellen Ordnung schöpfte: So mußte die Sehnsucht nach Beseelung an keine überlebte Hierarchie gebunden, auch nicht mit ihnen veralten und konnte in Bereiche eindringen die ihr bislang verwehrt waren. Ein buch mit einer hus wahl ged wladímir Holans in tschechischer und deutscher Sprache ist in Vorbereitung für die „Schriften der Unesco-Kommission der Bundesrepublik Deutschland zur Förderung der slawistischen Studien“, Wilhelm-Schmidt-Verlag, Gießen.

Im Buchhandel erhältlich ist aber der Band mit Holans berühmtestem großem Gedicht, „Nacht mit Hamlet“, aus dem Tschechischen und mit einem Nachwort von Reiner Kunze (Merlin Verlag, Hamburg, 1969; 62 S., 20,– DM).

Verena Flick