Doch die Franzosen stehen der Gewalt gelassen gegenüber

Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im April

Welcher Côte d’Azur-Tourist kennt schon Le Brüse? Das bescheidene Küstendorf liegt etwas abseits der großen Ferienstraße, ein paar Kilometer westlich von Toulon, und hat allenfalls bescheidene Attraktionen zu bieten. Die Toulonesen kommen gelegentlich zu einer Bouillabaisse herüber oder setzen von Le Brüse aus zur Ile des Embiez über. Am 28. März wurde die Idylle unvermittelt gestört: Ein eindrucksvolles Polizeiaufgebot umstellte eine beige angestrichene Villa mit ockerfarbenen Fensterläden und verhaftete vier junge Italiener. Die Nachbarn bezeichneten sie als „bärtig, langhaarig, sympathisch, aber manchmal etwas laut“. Die Polizei indes ist davon überzeugt, vier Mitglieder der Roten Brigaden aufgespürt und ein Nest des europäischen Terrorismus ausgehoben zu haben.

Le Brüse war nur der Anfang. In Paris, Nizza, Toulouse und Lille wurden zwei Dutzend Personen festgenommen, alle unter dem dringenden Verdacht, mit terroristischen Vereinigungen zusammenzuarbeiten. Einige hundert Kilo Sprengstoff stellte die Polizei sicher, daneben Waffen- und Munitionsbestände, tausend italienische Personalausweise, gefälschte Schecks, Geld aus einem Überfall im August 1979, Karteien mit Angaben über bekannte Persönlichkeiten, schließlich Pariser Stadtpläne, auf denen alle Polizeikommissariate markiert waren. Am Ende der großangelegten Razzia steht die Erkenntnis, daß französische und italienische Terroristen zusammenarbeiten; dazu kommt die Hoffnung, zumindest einen der Mörder des im Mai 1978 umgebrachten italienischen Politikers Aldo Moro erwischt zu haben.

Seitdem macht ein Schlagwort die Runde: Frankreich als „Drehscheibe des Euroterrorismus“. Vor Jahren war schon einmal davon die Rede. Mitte der siebziger Jahre wurde deutlich, daß die Baader-Meinhof-Gruppe konspirative Kontakte, zu Gleichgesinnten in Paris unterhielt. Damals tauchte „Carlos“ an der Seine auf. Der Venezolaner mit den vielen Gesichtern und Namen erschoß im Juni 1975 im Quartier Latin zwei Polizisten und einen übergelaufenen Libanesen. Plötzlich entdeckte man auch, dieser Carlos habe die Bombe im Drugstore Saint-Germain gelegt; auch steckte er hinter der Geiselnahme des französsichen Botschafters in Den Haag.

Schwerer wog eine andere Entdeckung: „Carlos“ stand in enger Verbindung mit der kubanischen (möglicherweise auch der sowjetischen) Botschaft und bekam Geld von palästinensischen Organisationen. Auch seine Zusammenarbeit mit der deutschen Terroristenszene trat bald offen zutage: An der von „Carlos“ inszenierten Geiselnahme der Opec-Minister in Wien im Dezember 1975 waren ebenfalls Baader-Meinhof-Leute beteiligt. Als schließlich im Herbst 1977 die Leiche Hanns Martin Schleyers in Frankreich gefunden wurde, verstärkte sich die Vermutung, daß die deutschen Terroristen im Nachbarland Unterstützung gefunden hatten.