Wo brave Bürger zu militanten Protestlern werden

Von Roland Kirbach

Ermershausen

Bundesstraße 279 Bamberg–Bad Königshofen in Unterfranken. Die Fahrt geht durch dünn besiedeltes Gebiet, entlang der Grenze zur DDR. An der Strecke liegt Ermershausen, ein verschlafenes 500-Seelen-Nest. Neben dem Ortsschild „Ermershausen – Landkreis Haßberge“ ein Transparent: „Ermershausen – Grabstätte der Demokratie und Freiheit. Wiege eines neuen Polizeistaates. Von der bayerischen Landesregierung verraten und verkauft. Von 600 Polizisten überfallen und ausgeraubt, bestehen wir immer noch auf dem Recht der Freiheit!“

Im Dorf hängen an fast jedem Haus Plakate, Transparente oder Bettlaken mit Sätzen wie diesen: „Das Opferlamm auf dem Altar der Gebietsreform werden wir niemals spielen“ – „Wir wollen wieder frei sein, wie’s die Väter waren und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen“.

Am meisten behängt ist das Rathaus: „Platz des Überfalls 19. 5. 78, vergleichbar zur Kristallnacht 1938 in Ermershausen.“ Und zur Rechtfertigung ein Goethe-Zitat: „Wer das Falsche verteidigen will, hat alle Ursache leise aufzutreten und sich zu einer feinen Lebensart zu bekennen. Wer das Recht auf seiner Seite hat, muß derb auftreten. – ein höfliches Recht will gar nichts heißen.“

Das „Recht der Freiheit“ nimmt das Dorf seit dem 1. Mai 1978 in Anspruch. Damals wurde Ermershausen per Rechtsverordnung der Regierung von Unterfranken in die Nachbargemeinde Maroldsweisach eingemeindet. Doch von Maroldsweisach, wo die „Roten“ herrschen, wollten sich die CSU-regierten Ermershausener nie und nimmer verwalten lassen. Sie beschlossen, die Amtsakten des Bürgermeisters nicht herauszugeben.