Von Klaus-Peter Schmid

Ein Gespenst namens OGEC verunsichert Europas Energiepolitiker. Vorerst ist dieses Kürzel nicht mehr als ein Phantasiegebilde; denn eine – analog zur Opec gebildete – Organization of Gas Exporting Countries gibt es nicht – noch nicht. Immerhin verhalten sich einige der großen Exporteure von Erdgas bereits so, als ob sie sich schon zu einem Ausfuhrkartell zusammengetan hätten. Ihr Ziel: wesentlich höhere Preise. Ihr Wortführer Algerien.

Beobachter in aller Welt sind sich heute einig, daß der Markt für Gas sich in den kommenden Monaten einschneidend verändern wird. Die Anbieter bemühen sich bereits innerhalb und außerhalb der Opec um eine Verständigung über die künftigen Bedingungen des Gasexports. So machte sich der algerische Energieminister Belkacem Nabi jüngst auf die Reise nach Mexiko und in die Niederlande. „Es würde uns wundern“, heißt es dazu in Algier, „wenn nicht über Gaspreise gesprochen worden wäre.“

Allerdings, nicht immer bleibt es allein beim Reden über neue Preise. Dem französischen Großabnehmer Gaz de France hatten die Algerier zunächst eine neue Rechnung präsentiert, die doppelt so hoch ausfiel, wie ursprünglich in den langfristigen Lieferverträgen vereinbart. In dieser Woche aber sperrten sie kurzerhand die Lieferungen. Ähnlich war es auch dem amerikanischen Kunden El Paso gegangen, dem bereits am 1. April der Hahn zugedreht wurde.

Bisher ließen sich mit Gas längst nicht so gute Geschäfte machen wie mit Öl. 1977 zum Beispiel ging die algerische Gasförderung um zwanzig Prozent zurück, weil sich einfach keine Abnehmer finden ließen – trotz fast stabiler Preise. Doch seitdem sind Nachfrage und Produktion geradezu rasant gestiegen. Heute liegt die Gasproduktion mit dreißig Milliarden Kubikmetern im Jahr fast doppelt so hoch wie 1978.

Kein Wunder, daß da bei den Preisen alle spekulativen Höhenflüge erlaubt sind. Die Algerier haben eine ganz präzise Vorstellung davon, wie stark sie die Schraube anziehen wollen. Im Hauptquartier der Sonatrach, des staatlichen Energiekonzerns, wird die Devise ausgegeben: „Gas muß, so teuer wie Öl werden.“ Im Klartext heißt das: Geht man vom gegenwärtigen Ölpreis von mindestens dreißig Dollar pro Barrel aus und vergleicht man den Heizwert von Öl und Gas, dann kommt man auf einen Gaspreis von 40 bis 45 Pfennig je Kubikmeter (bei zehntausend Kalorien Wärmeinhalt). Das ist fast dreimal soviel, wie bisher bezahlt wurde.

Daß es sich bei einem solchen Kalkül um Preistreiberei handeln könnte, weisen die Algerier weit von sich. Als Exempel dient ihnen das 1956 bei der Ölsuche entdeckte Vorkommen von Hassi R’Mel. Auf einem Areal von 90 auf 50 Kilometern wurden bisher nicht weniger als fünf Milliarden Dollar in Förderung und Verarbeitung investiert, die Pipelines gar nicht mitgerechnet; davon mußten etwa sechzig Prozent in Devisen bezahlt werden. Die Techniker vor Ort und in der Firmenzentrale in Algier beteuern einhellig: „Die Gasproduktion ist um vieles teurer als die Ölförderung.“