Die Gewerkschaftsbosse bringen sich in immer größere Interessenkonflikte

Von Irmgard Bayer

Die österreichischen Gewerkschafter stellen sich auf magere Zeiten ein: nicht mehr als zwei bis zweieinhalb Prozent Wirtschaftswachstum jährlich wird die Alpenrepublik nach Ansicht der meisten Fachleute in den nächsten Jahren erzielen können. Das dadurch erzwungene Umdenken könnte auch die vielgerühmte österreichische Sozialpartnerschaft unversehens einer Bewährungsprobe unterwerfen.

„Drei Prozent real“ lautete die berühmte Formel, mit der die Gewerkschaften unter Anton Benya, dem Chef des österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB) in den wirtschaftlich goldenen siebziger Jahren in die Lohnverhandlungen gingen. Das hieß: Die Lohnabschlüsse mußten hoch genug ausfallen, damit trotz Inflation die versprochenen drei Prozent mehr für die Arbeitnehmer heraussprangen.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre ging diese Rechnung aber schon nicht mehr auf. 1976 waren die drei Prozent erstmals nicht möglich, 1978 hatten sich die Einkommenssteigerungen der Arbeitnehmer zwar wieder auf reale 3,3 Prozent hochgeturnt. Doch 1979 blieben sie dann wieder unter zwei Prozent. Auch in diesem Jahr ist nach Abzug der Preissteigerungen nicht mehr als 1,5 Prozent Lohnsteigerung zu erwarten.

Die Gewerkschaften tragen es mit Fassung und geben sich staatsmännisch. Sepp Wille, der Zentralsekretär der mächtigen Gewerkschaft Metall-Bergbau-Energie: „Wenn weniger da ist, kann man weniger verteilen, das werben die Menschen verstehen. Gibt es nur zwei Prozent Wachstum, kann man eben nur zwei Prozent kriegen. Verteilt man mehr, führt das zu Inflation.“

Wenn die Gewerkschaften dieser Erkenntnis folgen und dennoch ihre jährlichen Erfolgsmeldungen verbreiten wollen, müssen sie sich etwas Neues einfallen lassen.